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Geschenk Vietnams: Sachsen bekommt größten buddhistischen Holztempel Europas

Дата публикации: 17-08-2026 05:42:14

Es ist ein millionenschweres Geschenk Vietnams an Deutschland, das jahrelang am Paragrafen-Dschungel zwischen Bau- und Einwanderungsrecht zu scheitern drohte

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Es ist ein Riesen-Holzpuzzle, das ohne Nägel, Schrauben oder Metallteile auskommt. Ein Meisterwerk der Handwerkskunst, das die Kleinstadt Taucha (16.131 Einwohner) bei Leipzig bald stolz ihr Eigen nennen darf.

Seit Mitte Juni setzen vietnamesische Kunsthandwerker dort die Bauteile der Tempelanlage „Chân Tịnh Thiền Viện“ zusammen. Tragende Balken und das Dach werden ausschließlich durch eine jahrhundertealte Steck- und Zapftechnik zusammengehalten. Dass die Handwerker jetzt überhaupt in Sachsen Hand anlegen dürfen, grenzt an ein Wunder. Der Weg bis zum Baustart glich einer Odyssee durch den Paragrafendschungel. Das deutsche Aufenthalts- und Baurecht besaß kein Formular für ein millionenschweres, handgefertigtes Kulturgeschenk aus Fernost.

Die Verbindung zwischen Ostdeutschland und Vietnam wurzelt tief in der DDR-Geschichte: 1989 lebten rund 60.000 vietnamesische Vertragsarbeiter im Osten, viele gingen in den Folgejahren wieder in ihr Heimatland zurück. Doch die Leipziger Community blieb, ist heute mit 4200 Gemeldeten die größte in Ostdeutschland nach den Berliner Bezirken Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf. Es folgt Dresden mit rund 2220 Einwohnern vietnamesischer Herkunft. Aus dieser traditionsbewussten sächsischen Diaspora heraus entstand die Kraft, der neuen Heimat ein bleibendes Denkmal zu stiften.

Zimmerer-Lehrling Walter Legis ist auf der Walz und bewundert den Bau des Holztempels in Taucha.

Zimmerer-Lehrling Walter Legis ist auf der Walz und bewundert den Bau des Holztempels in Taucha.

© ALEXANDER SCHUMANN

Finanziert wurde der Tempel von einem buddhistischen Mönch und seinen Unterstützern in Vietnam, die dafür über 3 Millionen US-Dollar an Spenden sammelten. Das Bauwerk gilt als Geschenk an Deutschland. Der in Taucha entstehende buddhistische Tempel wird mit seinen knapp 400 Quadratmetern Nutzfläche der einzige Holztempel dieser Bauart in Europa und der zweitgrößte der Welt nach Nagano. Selbst in Vietnam findet sich kein größerer Holztempel als in Sachsen.

Im offiziellen Exposé des Projekts heißt es: „Der Tempel – ein Ort der Ruhe, Abschottung und Entschleunigung in Zeiten der zunehmenden psychischen Belastungen.“ Er soll ein offenes Kulturzentrum für die gesamte Region werden. „Menschen egal welcher Herkunft und Glaubensrichtung sind bei uns willkommen“, betont Quang Vinh Dao, der projektverantwortliche Mitinitiator.

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Er leitet die Koordination und die Umsetzung in Deutschland seit den ersten Planungsschritten im Jahr 2013, getragen von einer Vision: Seit 2003 lebt er in Taucha und spürte sofort, dass ein Tempel hier passen würde. Dass er nun gebaut wird, ist einer einmaligen Verbindung aus Familientradition und Zufall zu verdanken – einer Kette fast schon göttlicher Fügungen. „Ein Importeur in Vietnam hatte 300 Kubikmeter rote Lärche aus Kanada importiert und schlicht zu viel im Lager. In ganz Asien wird dieses Holz normalerweise nicht für Tempel verwendet“, erzählt Dao. Für den Leipziger Tempel wurden schließlich rund 200 Kubikmeter des robusten, kanadischen Nadelholzes verbaut.

Jahrhundertealte Baukunst trifft auf deutsche Normen

Das Wissen für die Bautechniken wird ausschließlich innerhalb von Handwerksfamilien weitergegeben. In Deutschland existiert als gesetzlicher Qualifikationsnachweis der Facharbeiterbrief – doch die Baukunst aus Vietnam fällt unter kein anerkanntes Berufsbild. Das stellte die Planer vor Probleme bei der Baugenehmigung. Obwohl bereits 2017 die Grundsteinlegung gefeiert wurde, passierte danach jahrelang nichts. Der Tempel war von 2014 bis 2017 in Hanoi vorgefertigt und komplett aufgebaut worden.

Anschließend wurden die Holzelemente in neun Seecontainern verschifft. Anfang 2018 im Hamburger Hafen angekommen, schlug die Bürokratie zu. Das Holz saß 14 Tage im Zoll fest. „Man wollte von uns einen Begleitschein für geschütztes Tropenholz sehen“, erinnert sich der Leipziger Architekt Marco Stelzel, der das Projekt bautechnisch betreut. „Da es sich aber um kanadische Lärche handelte, war das Papier schlichtweg nicht existent, weil es kein Tropenholz ist.“

Die vietnamesischen Tempelbauer Nguyen Quy Giap (re.) und Nguyen Danh Cuong bauen den Tempel aus rotem Lärchenholz auf.

Die vietnamesischen Tempelbauer Nguyen Quy Giap (re.) und Nguyen Danh Cuong bauen den Tempel aus rotem Lärchenholz auf.

© Waltraud Grubitzsch/dpa

Noch schwieriger gestaltete sich die Umsetzung wegen der geltenden deutschen Aufenthaltsbestimmungen. Die vietnamesischen Meister durften jahrelang nicht einreisen. Die deutschen Visabestimmungen verlangen einen regulären, nach hiesigen Tarifen bezahlten Arbeitsvertrag. Das Projekt wird jedoch vollständig aus Spenden finanziert – es fließen keinerlei öffentliche Fördermittel. Die Meister wollten keine Angestellten sein, sie verstehen ihre Arbeit als ehrenamtlichen Dienst für die Gemeinde.

Doch das Gesetz kennt kein Formular für „ehrenamtliche Tempelbaumeister aus Fernost“. In den Visabestimmungen finden sich keine ausdrücklichen Regelungen für Geschenke, die in Deutschland erst aufgebaut werden müssen. Üblicherweise werden derartige Präsente unmittelbar übergeben und nicht erst vor Ort montiert.

Diese Besonderheit stellte die zentrale Hürde dar. „Ich hätte nicht gedacht, dass es so schwer ist, ein Geschenk in Deutschland aufzubauen“, bilanziert Architekt Marco Stelzel. „Ich bin kein Buddhist und habe kein wirtschaftliches Interesse an dem Tempel. Aber ich denke, ich bin in der DDR mit Anstand und Würde großgeworden. Und es kann für mich nicht sein, dass wir ein Geschenk, für das Gläubige in Vietnam über Jahre hinweg rund drei Millionen US-Dollar gesammelt haben, einfach sich selbst überlassen, ohne alles zu unternehmen, um dieses Kunstwerk zu errichten.“

Die Tempelbauer Nguyen Quy Giap (r.) und Nguyen Danh Cuong sortieren die in Vietnam geschnitzten heiligen Tiere, die an Säulen angebracht werden sollen.

Die Tempelbauer Nguyen Quy Giap (r.) und Nguyen Danh Cuong sortieren die in Vietnam geschnitzten heiligen Tiere, die an Säulen angebracht werden sollen.

© Waltraud Grubitzsch/dpa

Einreisekniff: Baumeister mit persönlichen Bürgen

Der Wendepunkt folgte schließlich durch einen Wechsel in der deutschen Botschaft in Hanoi. Am 12. August 2024 übernahm Helga Margarete Barth die Leitung des Hauses. Ihr persönliches Engagement brach die bürokratische Blockade. In  Gesprächen in der vietnamesischen Hauptstadt zwischen der Botschafterin und der Visa-Abteilung gelang ein juristischer Kunstgriff über den Paragrafen § 19c Abs. 3 Aufenthaltsgesetz. Der Tempel wurde kurzerhand als „komplexe, importierte Anlage“ deklariert, an der ein öffentliches Interesse besteht.

Um das Verfahren abzusichern, zog der Landkreis Nordsachsen mit und begleitete die Umsetzung wohlwollend. Zudem stellte sich für jeden der Kunsthandwerker ein lokaler Bürge zur Verfügung, der eine Verpflichtungserklärung abgab. Schlussendlich führte dies zur Erteilung der Visa. „Es sind Regelungen, die unüblich sind und nur im guten Einklang zwischen Botschaft, Landkreis und Planern funktionierten“, sagt Stelzel und fügt hinzu: „Es wird ein Objekt sein, das in der Zukunft als deutsch-vietnamesisches Kulturzentrum weit über Leipzig hinaus leuchten wird. Das ist nicht nur die Meinung der Vietnamesen, mit denen ich in Hanoi gesprochen habe, auch hohe Regierungsmitglieder in Vietnam schauen gespannt auf dieses Bauwerk!“

Seit dem Baustart wird das hölzerne Puzzle, das von vier vietnamesischen Meistern und Helfern zusammengesetzt wird, mit riesigem Interesse der Einwohner beobachtet. „Die Menschen kommen permanent vorbei, fotografieren und sind alle gespannt, wann es endlich losgeht“, berichtet Tauchas Bürgermeister Tobias Meier (FDP). Von Gegenstimmen keine Spur. Im Gegenteil: „Die Kunsthandwerker und Beteiligten bekommen sogar regelmäßig frische Verpflegung und Kaffee von den Anwohnern an den Bauzaun gebracht. Das Negativste, was man hier hört, ist vielleicht, dass es jemandem egal ist.“ Der Bürgermeister hofft auch, dass der Tempel bald den Tourismus in Taucha ankurbelt.

Dabei ist die bauliche Umsetzung nach deutscher Statiknorm eine Mammutaufgabe. Die Architektur des Pavillons folgt einem ausgeklügelten kosmologischen Thema: Der obere Teil ist achteckig mit vier kreisförmigen Fenstern als Symbol des Himmels; der Unterbau ist quadratisch als Symbol der Erde. Diese Formensprache ist charakteristisch für die vietnamesische Pagodenarchitektur. „Ich bin heilfroh, dass ich den erfahrenen Statiker Ansgar Hüls mit ins Boot holen konnte“, erklärt Architekt Stelzel. „Holzbau an sich ist schon die Königsdisziplin. Aber die Statik für dieses traditionelle Bauwerk mit unseren modernen Mitteln mathematisch exakt nachzurechnen, war extrem komplex.“ Hüls fungiert als der rechtliche Garant dafür, dass die Pagode trotz ihrer verbindungsmittelfreien Konstruktion den strengen deutschen Baugesetzen genügt.

Nicht nur für den Statiker ist die Baustelle eine Offenbarung. Erst kürzlich stoppten zwei junge Zimmerleute, die sich auf der traditionellen Walz befinden, an der Anlage. Für die Wandergesellen sind die Eindrücke unbezahlbar. „Wahnsinn, ich muss nicht mal aus Deutschland raus und sehe hier eine jahrhundertealte Bautechnik, die komplett ohne Schrauben und Nägel auskommt und über Generationen weitergetragen wurde“, staunt der 21-jährige Walter Legis, der sich in den ersten Monaten seiner Walz befindet. Zusammen mit dem Statiker untersuchte er stundenlang die raffinierten, verbindungsmittelfreien Holzträger. „Ich bin dankbar, dass ich hier in Deutschland Baukunst aus Fernost sehen kann. Dafür müssen andere weit reisen.“

Bis zum Jahresende soll der monumentale Holztempel fertiggestellt sein, danach folgen noch die Außenarbeiten am 2000 Quadratmeter großen Areal. Ein Zen-Garten mit asiatischen Elementen soll entstehen.

Im benachbarten alten Bahnhofsgebäude von Taucha öffnet bald unter vietnamesischer Regie ein Kulturcafé sowie ein veganes vietnamesisches Restaurant. Auf die Frage, was er von den vielen Jahren der zermürbenden Verzögerung halte, lächelt Projektleiter Quang Vinh Dao, blickt auf die Holzbalken und sagt: „Ich habe immer gewusst: Wenn Buddha es will, wird es irgendwann so weit sein.“ Im kommenden Frühjahr soll der feierliche Einzug zelebriert werden – dann ist das hölzerne Wunder von Taucha endgültig Realität.

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