Johannes Liebmann bricht bei der Schwimm-EM in Paris den Weltrekord über die 1500 Meter Freistil. Ein Erfolg, der aus jahrelanger Arbeit in Magdeburg rührt.
Paris ist abgehakt. Zum Abschluss der Schwimm-Europameisterschaften gingen die deutschen Lagenstaffeln am Sonntagabend zwar leer aus, die Frauen wurden Vierte, die Männer Fünfte. Doch die deutsche Mannschaft reist mit einem Gesicht aus der französischen Hauptstadt ab, das man sich merken sollte: Johannes Liebmann.
Der 19-Jährige hat diese EM geprägt wie kaum ein anderer Schwimmer. Zwei Goldmedaillen, ein Europarekord und vor allem ein Weltrekord über 1500 Meter Freistil machen ihn zum neuen Superstar – wobei Liebmann selbst mit dieser Bezeichnung wenig anfangen kann.
14:26,79 Minuten. Diese Zeit wird bleiben. Liebmann pulverisierte damit den zwei Jahre alten Weltrekord des Amerikaners Bobby Finke um fast vier Sekunden. Er ist erst der zweite Deutsche nach Jörg Hoffmann 1991, dem über 1500 Meter eine Weltbestzeit gelang.
Sein Magdeburger Teamkollege Lukas Märtens bekam nach dem Rennen „Gänsehaut“, Florian Wellbrock schrieb aus dem Urlaub: „Das war kein Sport, das war Kunst.“ Oliver Klemet, der in diesem Wettkampf Bronze gewann, sprach von einem perfekten Rennen.
Johannes Liebmann (l.) mit seinem Teamkollegen Lukas Märtens
© Jo Kleindl/dpa
Und Liebmann? Der war vor allem selbst überrascht. „Dass ich jetzt da irgendwie an den ganzen Großen vorbeigekommen bin, kann ich immer noch nicht ganz fassen“, sagte er. Der Satz passt zu einem Schwimmer, dessen Aufstieg geradezu märchenhaft wirkt, der selbst aber erstaunlich wenig Superstar-Attitüde an den Tag legt. Sein Teamkollege Klemet beschreibt ihn als bodenständig, fleißig, schüchtern und „vorbildlich“. Liebmann selbst spricht lieber darüber, wie viel er von seinen älteren Trainingskollegen lernen kann.
Bescheidener WeltrekordhalterDazu gehört auch, dass diese EM für ihn nicht ausschließlich aus Fabelzeiten bestand. Am Sonntagmorgen schied Liebmann über 400 Meter Freistil bereits im Vorlauf aus. Nach zwei Goldmedaillen, dem Weltrekord und einer offenbar ziemlich kurzen Nacht war der 19-Jährige schlicht nicht mehr frisch. Unzufrieden war er trotzdem nicht. „Vielleicht klappen die 400 nächstes Jahr besser“, sagte er. Mehr Understatement geht kaum.
Gerade diese Gelassenheit macht den Auftritt von Paris so bemerkenswert. Liebmann ist erst 19, bei seiner ersten Europameisterschaft der Erwachsenen auf der Langbahn, und hat bereits Leistungen erreicht, von denen andere Schwimmer eine Karriere lang träumen. Über 800 Meter stellte er zunächst einen Europarekord auf, über 1500 Meter folgte der Weltrekord. Und trotzdem erzählt er lieber davon, dass er im Training „meistens nur mit den anderen mitschwimmt und sich über die Gesellschaft freut“.
Diese anderen sind allerdings nicht irgendwelche Schwimmer. Sie heißen Lukas Märtens, Florian Wellbrock, Isabel Gose oder Oliver Klemet. Liebmann trainiert seit seinem 16. Lebensjahr in Magdeburg.
Dort hat Bundestrainer Bernd Berkhahn eine Gruppe aufgebaut, die inzwischen zum wichtigsten deutschen Schwimmzentrum geworden ist. Liebmann ist das jüngste und vielleicht spektakulärste Beispiel dafür, was dieses System hervorbringen kann.
Denn sein Weltrekord ist kein Zufall. Er ist das Ergebnis jahrelanger Arbeit in einer Trainingsgruppe, in der Weltklasse und Nachwuchs gemeinsam im Becken liegen. Märtens wurde in Paris 2024 Olympiasieger über 400 Meter Freistil und hält den Weltrekord. Wellbrock ist einer der erfolgreichsten Freiwasserschwimmer der Welt. Gose gehört über die langen Freistilstrecken zur internationalen Spitze. Klemet gewann in Paris gemeinsam mit Liebmann Bronze über 1500 Meter.
Johannes Liebmann (r.) brach den Weltrekord auch, weil Trainer Bernd Berkhahn (l.) ihm die Zweifel nahm.
© Eibner Pressefoto/IMAGO
Berkhahn hat daraus kein klassisches Einzelkämpfermodell gemacht. In Magdeburg profitieren die Athleten voneinander. Die Besten setzen den Maßstab, die Jüngeren wachsen hinein. Liebmann sagt selbst, dass ihm das Training mit seinen erfahrenen Kollegen enorm geholfen habe. Technisch habe er sich etwa viel von Wellbrock abgeschaut. Und Berkhahn war es, der ihm vor dem Weltrekord die letzten Zweifel nahm.
Denn auch die gab es. Liebmann erzählte nach seinem Rennen, dass er vor den Beckenwettkämpfen unsicher gewesen sei. Er habe das Gefühl gehabt, in den vergangenen Wochen nicht optimal trainiert zu haben. Berkhahn widersprach: „Du hast megagut trainiert.“ Liebmann vertraute seinem Trainer – und lieferte anschließend das Rennen seines Lebens.
Das ist vielleicht der entscheidende Punkt an der Geschichte dieses 19-Jährigen. Hinter dem Weltrekord steckt nicht nur Talent. Dahinter steckt ein Umfeld, das ihn auffängt, fordert und besser macht. Ein Umfeld, das in Magdeburg über Jahre entstanden ist und inzwischen eine ganze Generation deutscher Schwimmer prägt.
Liebmann ist deshalb mehr als der überraschende Europameister von Paris. Er ist der nächste Beweis dafür, dass Berkhahns Arbeit funktioniert. Der deutsche Schwimmsport hat nach Jahren der Suche wieder eine Trainingsgruppe, die Weltklasse hervorbringt – und jetzt wächst dort bereits die nächste Generation heran.
Am Sonntagabend endete die EM mit zwei deutschen Staffeln ohne Medaille. Liebmanns Bilanz aber bleibt historisch. Zwei Titel, Europarekord, Weltrekord. Und danach geht es für den neuen Superstar nicht auf die große Party, sondern mit der Familie zum Wandern ins Allgäu.
Es passt zu Johannes Liebmann. Und vielleicht ist genau das seine größte Stärke: Er schwimmt gerade in eine andere Dimension – und wirkt dabei noch immer wie einer, der einfach froh ist, mit den Großen schwimmen zu dürfen.
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