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Vereinsleben, Nachbarschaft, Zusammenhalt: Was Deutschland vom Osten lernen kann

Дата публикации: 17-08-2026 10:01:45

Gemeinschaft, Reparieren, gelebte Nachbarschaft – Werte, die im Osten Tradition haben. Warum sie heute für ganz Deutschland relevanter sind denn je.

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Was viele Menschen in Deutschland heute vermissen, ist mitnichten nostalgisch: gelebte Nachbarschaft, ein funktionierendes Vereinsleben, die Fähigkeit, Dinge zu reparieren, statt ständig Neues kaufen zu müssen, und Innenstädte, in denen man sich noch zurechtfindet.

Diese Sehnsüchte sind sicherlich gesamtdeutsch und gelten für alle 16 Bundesländer. Und doch haben sie im Osten eine besondere Schärfe. Denn dort ging in den vergangenen Jahrzehnten besonders viel von dem verloren, was diese Begriffe mit Leben füllt.

Das Vereinsleben: Ehrenamt in der Krise

Auf den ersten Blick klingt es nach einer Erfolgsmeldung: Die rund 86.000 Sportvereine in Deutschland weisen zurzeit rund 29,3 Millionen Mitgliedschaften auf und somit gut eine halbe Million mehr als im Vorjahr. Der organisierte Sport zählt damit so viele Mitgliedschaften wie noch nie.

Doch dieser Rekord täuscht über strukturelle Brüche hinweg: Fast jeder fünfte Verein meldet große bis sehr große Probleme wegen maroder Sportanlagen, und mehr als jeder sechste Verein sieht sich in seiner Existenz bedroht, weil er es nicht mehr schafft, ausreichend ehrenamtlich Engagierte zu finden.

Das Bild für den Osten ist dabei besonders aufschlussreich: Unter den am stärksten wachsenden Landessportbünden befinden sich mit Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen gleich drei Bundesländer aus dem Osten Deutschlands.

Der Sportentwicklungsbericht jedoch identifiziert den Mangel an Ehrenamtlichen als größte Herausforderung der Sportvereine in Deutschland – für 17,5 Prozent der Vereine bedeutet er ein existenzbedrohendes Problem. Der demografische Einbruch nach der Wende hat das Vereinsleben in weiten Teilen Ostdeutschlands strukturell geschwächt, und das auf Jahrzehnte.

Eine Gesellschaft, die verlernt hat, nebeneinander zu leben

Einsamkeit ist in Deutschland messbar geworden. Insgesamt berichtet mit 34 Prozent rund ein Drittel aller befragten Erwachsenen im Alter von 21 bis 54 Jahren, sich mindestens teilweise einsam zu fühlen – davon sind 16 Prozent stark und 18 Prozent moderat betroffen. Besonders auffällig ist die Altersverteilung: Rund 21 Prozent der 21- bis 30-Jährigen gaben an, sich stark einsam zu fühlen; in der Altersgruppe der 31- bis 54-Jährigen liegt der Anteil bei 14 Prozent.

Dabei ist das Problem nicht neu. Das Einsamkeitsempfinden hat sich seit der Corona-Pandemie kaum abgeschwächt, womit sich zeigt, dass Einsamkeit unter jungen Menschen kein temporäres Phänomen ist, sondern besonders für die Gen Z zu einer anhaltenden psychosozialen Belastung zu werden scheint.

Vereine könnten hier ein Gegengewicht sein. Denn wo sie funktionieren, bieten sie Räume für zwischenmenschliche Begegnung und fördern das Gemeinschaftsgefühl.

Selbermachen als Haltung

Die DDR war bekanntlich eine Mangelwirtschaft. Wer kein Ersatzteil kaufen konnte, musste erfinderisch sein. Wer kein neues Gerät bekam, musste das alte instand halten. Eine unermüdliche Reparaturarbeit zeichnete den beruflichen und privaten Alltag aus. Das hinterließ eine Kompetenz, die heute, in einer völlig anderen gesellschaftlichen Debatte, plötzlich wieder gefragt ist.

Denn inzwischen wächst im gesamtdeutschen Raum eine Bewegung, die genau das wieder kultiviert: das Reparieren. Rund 1750 Repaircafés sind in Deutschland gelistet, wo versierte Hobbyhandwerker zu festgelegten Terminen zusammenkommen, um defekte Geräte instand zu setzen. Die Idee hat internationale Wurzeln: 2009 startete die niederländische Journalistin Martine Postma das erste Repaircafé in Amsterdam als lokale Nachhaltigkeitsinitiative. Stand Oktober 2025 sind weltweit mehr als 3818 Repaircafés verfügbar.

Was in der DDR Notwendigkeit war, wird heute zur bewussten Gegenbewegung gegen die Wegwerfgesellschaft. Und die Politik zieht nach: Ab Juli 2026 greift das EU-Recht auf Reparatur – Hersteller müssen Ersatzteile über Jahre bereitstellen und Reparaturen zu fairen Preisen anbieten.

Innenstädte: Was bleibt, wenn die Menschen gehen

Wohnungsleerstand ist in Teilen Ostdeutschlands weiterhin ein besonders sichtbares Problem. Die jüngste flächendeckende amtliche Erhebung, der Zensus 2022, zeigt erhebliche regionale Unterschiede.

Vor allem in mehreren ländlichen und strukturschwächeren Regionen der ostdeutschen Länder liegen die Leerstandsquoten deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 4,3 Prozent. Gleichzeitig entwickeln sich wachsende Städte und ihr Umland deutlich anders. Der Osten ist beim Leerstand deshalb kein einheitlicher Raum.

Die Herausforderung dürfte in den kommenden Jahren größer werden. Nach Angaben der Bundesregierung befinden sich in Ostdeutschland rund 390.000 leer stehende Wohnungen in ländlichen Räumen. Das entspricht etwa zwei Dritteln der dort leer stehenden Wohnungen; die Leerstandsquote in diesen ländlichen Gebieten liegt bei 7,6 Prozent. Für Mehrfamilienhäuser wird ein weiterer Anstieg erwartet: von 9,3 Prozent Leerstand im Jahr 2025 auf 14,4 Prozent im Jahr 2045. Gleichzeitig könnte die Bevölkerung in den ländlichen Räumen Ostdeutschlands bis 2045 um rund eine Million Menschen zurückgehen.

Das bedeutet allerdings nicht, dass der Osten einheitlich schrumpft. Leerstand ist regional höchst unterschiedlich verteilt. Schon der Zensus 2022 zeigt deutliche Unterschiede beim Wohnungsleerstand. Bundesweit standen damals 4,3 Prozent der Wohnungen leer. Besonders dauerhaft war Leerstand etwa in Sachsen-Anhalt und Thüringen: Dort standen 64 beziehungsweise 68 Prozent der unbewohnten Wohnungen bereits seit mindestens einem Jahr leer.

Die Sehnsucht nach überschaubaren Innenstädten, nach Läden, die man kennt, nach Plätzen, die belebt sind – sie ist nicht rückwärtsgewandt. Sie ist eine Reaktion auf eine Realität, in der immer mehr öffentliches Leben aus dem Zentrum abwandert.

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Was das alles zusammenhält

Vereine, Nachbarschaft, DIY-Kultur, lebendige Innenstädte – das sind keine getrennten Phänomene. Sie hängen zusammen. Wo Menschen wegziehen, schließen Vereine. Wo Vereine schließen, fehlen Orte der Begegnung. Wo Begegnung fehlt, wächst die Einsamkeit. Und wo sie wächst, verliert eine Gesellschaft die Fähigkeit zur gemeinsamen Gestaltung ihrer selbst.

Der Osten ist in dieser Hinsicht kein Sonderfall, der nichts mit dem Rest Deutschlands zu tun hat, aber was dort seit den 1990ern in beschleunigter Form passiert, wird in Teilen auch den Westen erreichen. Schrumpfung, Wegzug und Leere sind mehr als eine statistisch-abstrakte Größe. Sie sind Anschauung und Alltagserfahrung, die Mentalitäten und Zukunftserwartungen der Menschen vor Ort prägen. Was die Deutschen wirklich vermissen, lässt sich also nicht auf Konsum reduzieren. Es geht um etwas Grundlegenderes: die Erfahrung, Teil von etwas zu sein.

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