Jörg Fieback führt die größte Marketingagentur Ostdeutschlands, mit Sitz in Chemnitz. Was ihn umtreibt und was er seinen Landsleuten aus der Werbeperspektive rät.
Man residiert in einer weißen Villa auf dem Chemnitzer Kaßberg, einem der größten und besterhaltenen Gründerzeit- und Jugendstilviertel in ganz Europa. Baujahr um 1870, denkmalgeschützt. Innen ist alles hochmodern – eine Mitarbeiterin begrüßt uns tatsächlich im schwarz-weißen Zebramuster-Kleid. „Wir versuchen, das unter den Mitarbeitern hier schon ein wenig durchzuziehen, dass jeder was Schwarz-weißes trägt“, erklärt augenzwinkernd der Agentur-Gründer Jörg Fieback.
Wir betreten die Herzkammer der ostdeutschen Werbe-Werkstatt. Slogans für Knusperflocken, Kathi-Backmischungen, Diamant-Fahrräder oder auch Florena-Kosmetik wurden hier in Chemnitz entwickelt. „Allerdings haben mein Geschäftspartner Thomas Pfefferkorn und ich ganz klein in Aue angefangen“, erinnert sich Fieback an die frühen 1990er-Jahre.
Gelernt hat Fieback ursprünglich Elektronikfacharbeiter mit Abitur. „Ich hatte vor der Wende auch kurz überlegt, Lehramt Englisch/Sport in Zwickau zu studieren. Doch ich musste erst zum Grundwehrdienst bei der NVA“, so Fieback; er fällt beim Sprechen unmerklich ins Erzgebirgische zurück.
Aus der Nationalen Volksarmee wurde die Bundeswehr, Fieback wechselte wie viele ostdeutsche Rekruten damals die Uniform und den Befehlshaber. Heute scherzt er: „Ich habe in zwei verfeindeten Armeen gedient, ohne übergelaufen zu sein.“
Die Mauer war mittlerweile gefallen, der Stellenmarkt leer gefegt. Großes Suchen nach dem „Was jetzt, womit überhaupt und wie“. „Plötzlich stand einem die Welt offen. Geh’ ich nach Amerika in die Filmbranche? Die hatte es mir schon immer angetan. Oder mach’ ich hier was Kreatives?“, überlegte der junge Fieback damals. Bis ihm das Buch des Werbetexters David Ogilvy (1911–1999) „Über Werbung“ aus dem Jahre 1983 in die Hände fiel. Ein Standardwerk der Marketingbranche, das in über 14 Sprachen übersetzt wurde.
Ogilvys Kernthese: der Zweck von Werbung ist es, durch die Kommunikation eines überzeugenden und glaubwürdigen Nutzens an den richtigen Kunden zu verkaufen – nicht andere Werber zu unterhalten oder zu beeindrucken. Fiebacks Fazit: „Ich hab’s gelesen und gewusst: Das will ich machen! Ich gründe eine Werbe-Agentur.“
Also legten Fieback und Pfefferkorn los, gründeten ihre Agentur „CreAktiv“, wie sie 1991 zuerst hieß. „Die ersten Jobs waren Logos hier, Briefbögen da. Dann kam ein Katalog für Diamant-Fahrräder dazu.“ Bei letzterem musste sich Fiebacks Agentur schon gegen die westdeutsche Konkurrenz behaupten – mit Präsentationen, die gebürtige Ossis ans Anfertigen einer Wandzeitung erinnern dürfte.
„Man hat damals noch aus Magazinen Bilder ausgeschnitten und eine Art Patchwork daraus gemacht, um zu zeigen, wie der Katalog aussehen könnte. Wir haben den Wessis ein bisschen den Schneid abgekauft, und Diamant fand uns wohl auch sympathisch. Wir hatten bis dahin aber noch nie so einen großen Katalog mit 36 Seiten gemacht. Unser größtes Printprodukt bis dahin war ein sechsseitiger Flyer“, so Fieback.
Der Pitch funktionierte. Die Diamant Fahrradwerke in Chemnitz vergaben den Auftrag an Zebra. Für Fieback und Pfefferkorn wurde es ein Lehrstück: „Wir hatten uns gnadenlos verkalkuliert. Nach Abschluss des Projektes hatten wir viele durchgearbeitete Nächte, aber ein leeres Bankkonto. Wir hatten den Druck mit angeboten, aber Kosten für Lithografie und Druckvorlagen völlig unterschätzt. Wir haben am Ende draufgelegt, aber mit dem Katalog sogar einen Preis gewonnen, und der hat uns dann wiederum bei anderen Unternehmen die Tür geöffnet“, erinnert sich Fieback.
Geschäftsführer Jörg Fieback erklärt im Gespräch mit der OAZ seine Philosophie.
© Rene Plaul für Ostdeutsche Allgemeine
Es folgten die Dresdner Verkehrsbetriebe, Zettis Knusperflocken, die Florena-Kampagne mit Schwimmerin Franziska van Almsick, Rondo-Kaffee oder auch Bautz’ner Senf. Der Agenturname „CreAktiv“ funktionierte im Alltag jedoch nicht. Das „k“ ging immer verloren. Als die erste Geschäftspost an „Radioaktiv“ kam, musste ein neuer Name her.
Die tierische Idee kam den Gründern bei einem Projekt für eine Mode-Boutique. Man jonglierte im Kopf mit Namen wie „C.Bra" als fiktivem Label eines Modeschöpfers – dazu ein Schwarz-Weiß-Design. Die Kundin lehnte dankend ab, doch Fieback und Pfefferkorn sahen in der Assoziation zu „Zebra“ durchaus Potenzial: kurz, knackig, einprägsam. Dass für den Druck der Agenturausstattung kostengünstig nur eine Farbe benötigt wurde, überzeugte sie dann endgültig.
Heute ist die Agentur deutschlandweit aufgestellt und mit 120 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Chemnitz und Dresden Ostdeutschlands größte, inhabergeführte Marketingagentur.
Zu ihren Kunden zählen aktuell Energieversorger enviaM, Edeka, die Krankenkasse AOK oder auch die Staatskanzlei in Sachsen mit der Werbekampagne „So geht sächsisch“.
Macht es denn einen Unterschied, ob man Ost- oder Westprodukte bewirbt? „Ja“, kommt es sofort und befreiend aus Fieback heraus. „Damals in den Neunzigern schon, aber es gibt generell jetzt noch mehr den Trend zu Authentizität in der Werbung weltweit. Wenn man nach den Unterschieden der Kommunikation für ein Ostprodukt oder für ein Produkt, das im Osten erfolgreich sein will, fragt, dann steht an erster Stelle die Glaubwürdigkeit. Wenn ich das Herz eines Ossis erobern möchte, dann mache ich das nicht mit Übertreibung, sondern ich bleibe auf dem Teppich, bin authentisch“, so Fiebacks Erfolgsrezept.
„Wenn ich allerdings einen Ossi beraten würde, wie er sichtbarer und erfolgreicher werden kann, würde ich sagen: Lerne, auf den Busch zu klopfen, auch mal ins Scheinwerferlicht zu treten, auf eine Bühne zu gehen, das Wort zu ergreifen.“
Schwimmerin Franziska van Almsick warb auch für den ostdeutschen Hersteller Florena.
© IMAGO/KC
Fieback geht mit seinen Landsleuten zwischen Ostsee und Fichtelberg in seinen Vorträgen hart ins Gericht: „Wir können uns nicht verkaufen, sind Weltmeister im Tiefstapeln. Die meisten von uns haben es auch nie gelernt, Netzwerke zu bilden.“
Seine Agentur hat die Unterschiede in ost- und westdeutscher Werbung in einer Studie im vergangenen Jahr beleuchtet: Befragt wurden rund 5000 Deutsche zu Konsum-, Medien- und Werbeverhalten. Mit dem Ergebnis: Der Osten bleibt ein eigener Identitätsraum mit starkem kulturellen Langzeitgedächtnis – besonders bei der Nachwende-Generation.
„Man würde davon ausgehen, dass die Generation, die kein geteiltes Land erlebt hat, gleich tickt in Ost und West. Tut sie aber nicht“, sagt Fieback. Allein in fünf von sieben Fragen unterschieden sich beide. „Wie kann das sein? Ist es doch so, wie es Dirk Oschmann mit Bezug auf den Historiker Jan Assmann beobachtete, dass sich erst nach 30 bis 40 Jahren das gesellschaftliche Gedächtnis umstellt?“, fragt die Studie.
Auch die Beurteilung von Werbung in der Nachwende-Generation unterscheide sich in vier Aspekten: Die Nachwende-Ostdeutschen favorisieren eher Regionalität und Realitätsnähe, Nachwende-Westdeutsche wissen dafür mehr inspirierende und fantasiereiche Werbung zu schätzen.
Im Osten wird „Heimatliebe“ besonders großgeschrieben, bei jungen Westdeutschen wiederum „Lebensqualität“. Einen gemeinsamen Nenner findet man in der Selbsteinschätzung als „eher familienfreundlich“, „zurückhaltend“ und „weniger karriereorientiert“.
Die Klischees bleibenDer Faktor Zeit – seit dem Mauerfall – scheint hier nicht zu heilen, sondern zu zementieren. Fieback: „Was ich als besorgter Ossi und Unternehmer erkenne, ist, dass das Image des Ostens ein Stück weit im Eimer ist. Dass man uns sehr stark verkürzt darstellt, dass über den Osten geschrieben und geredet wird, aber nicht mit dem Osten. Es gibt viele eindimensionale Darstellungen, die dann in so einem Spruch gipfeln: ,Was macht eine sächsische Mutti im Kinderzimmer? Sie schaut nach dem Rechten.’“
Fieback findet: „Auch Medien haben da eine Verantwortung. Ich fordere in meinen Vorträgen Medienvertreter dazu auf, differenzierte Bilder über den Osten zu liefern.“ Bis heute, findet Fieback, kommen ostdeutsche Perspektiven zu selten zu Wort. Ein Medium wie die OAZ hält er „für längst überfällig“.
Ein Paradebeispiel für ihn sei die Reaktion auf die Ermordung von Daniel H. 2018 in seiner Heimatstadt gewesen. Der 35-jährige Tischler wurde am Rande des Chemnitzer Stadtfestes von einem Syrer erstochen. Als im Netz Falschmeldungen zu einem zweiten Opfer kursierten, organisierten die Bürgerbewegung Pro Chemnitz, Pegida und auch die AfD sogenannte „Trauermärsche“, es kam zu schweren Ausschreitungen. Eine Stadt wurde in Nazi-Sippenhaft genommen.
Tausende Chemnitzer gingen damals auf die Straße, um gegen das rechte Image der Stadt zu protestieren.
© picture alliance/dpa
Fieback trieb die Berichterstattung damals schwer um: „Wir waren mitten in der zweiten Bewerbungsphase der Kulturhauptstadt. Ich dachte, wir können eigentlich aufhören – die ganze Welt denkt jetzt, Chemnitz ist eine Nazi-Stadt. Was hier für eine Medienwalze von New York Times bis zu internationalen TV-Teams durchgerollt ist, war unglaublich.“
Er wollte dem etwas entgegensetzen, vernetzte sich mit anderen Chemnitzern, Unternehmern und Wissenschaftlern, sponserte ein Riesenbanner, das hinter dem Chemnitzer Karl-Marx-Kopf aufgehängt wurde. Die Botschaft darauf: „Chemnitz ist weder grau noch braun.“ Am Ende kam eine gute Viertelmillion Euro an Spenden zusammen, die teils an die Opferfamilie gezahlt, aber auch an demokratiefördernde Projekte gegeben wurden.
Der Osten als „Möglichkeitsraum“Fieback will kein Jammer-Ossi sein. „Es muss möglich sein, Missstände zu benennen. Aber du kannst die Zeit nicht zurückdrehen, wir müssen mit dem gegebenen Umfeld umgehen“, sagt er. Der Osten sei für ihn weniger ein „Problemraum“, sondern auch „ein Möglichkeitsraum“.
So habe er mit anderen Kreativen den „Ideenplanet Ost“, einen Zusammenschluss ostdeutscher Agenturen, gegründet. Fieback verweist auf die Kinnings Foundation in Potsdam, die Ostdeutsche mit Stipendien zu Führungspersönlichkeiten ausbilden will. Zebra selbst unterstützte die Gründung der Studienstiftung des Ostens pro bono.
Doch sein Herz hängt noch an einem ganz anderen Projekt – gut 10.000 Kilometer entfernt von Ostdeutschland. Zustande kam es durch besagtes Netzwerken.
Ein Team der Chemnitzer Agentur Zebra dreht in Kapstadt für die Hope Gala.
© Zebra
Die Dresdner Unternehmerin Viola Klein engagiert sich seit zwanzig Jahren für die Hope Stiftung in Kapstadt. Zugunsten der Stiftung findet jährlich die Hope Gala in Dresden statt, rund drei Millionen Euro konnten über Spenden und Eintrittsgelder eingeworben werden. Anfangs ging das Geld vor allem in Projekte, um HIV-infizierten Kindern und Jugendlichen zu helfen. Heute ist es größer aufgestellt, bildet in Südafrika selbst junge Menschen in Berufen aus und lehrt Hilfe zur Selbsthilfe.
Die jedoch immer schwieriger wird. Deutschland hat seine eigenen Probleme, auch hierzulande müssen viele den Euro zweimal umdrehen. „Wenn man einmal das Elend in Südafrika gesehen hat, sind unsere Probleme nichts dagegen“, sagt Fieback, der im Kuratorium der Hope Gala sitzt und regelmäßig das Land am Kap der guten Hoffnung bereist. „In unmittelbarer Nachbarschaft zu den touristischen Hotels herrscht bitterste Armut“, so Fieback. Dabei sei Afrika ein Wachstumsmarkt.
Die finanzielle Unterstützung von Projekten vor Ort sei keine „großzügige Hilfe“ – vom Wachstum könne auch Deutschland im Umkehrschluss profitieren. „Das haben die Chinesen schon lange erkannt. Deutschland ist da nicht so weitsichtig“, sagt Fieback.
Um den Dresdner Gala-Gästen zu zeigen, wo ihre Spendengelder hinfließen, schickt Zebra ein Film- und Fototeam auf eigene Kosten nach Kapstadt. Die emotionalen Bilder aus den Townships laufen dann über die große Leinwand des Dresdner Schauspielhauses, in dem am 10. Oktober 2026 wieder die Hope Gala steigt. Die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung ist diesmal Kooperationspartner.
„Die Kraft der Bilder ist etwas Besonderes. Damit kann man sehen und fühlen, wofür Hope steht. Es bringt die Menschen vor Ort in Lohn und Brot. Was vor 25 Jahren mit der Versorgung HIV-positiver Kinder begann, ist heute ein ganzheitliches Hilfsnetzwerk“, so Fieback.
Bereits 2009 errichtete die Stiftung aus Schiffscontainern „Blikkiesdorp“ – Afrikaans für Blechdosendorf – als Ort des Lernens, der Schulvorbereitung, der Hausaufgabenhilfe und vieler sozialer Dienste. In der semi-permanenten Siedlung lebten teilweise bis zu 25.000 Menschen aus 30 Nationen.
Vor fünf Jahren kam in Delft der Campus „The NEX Indawo Yethu“ hinzu. Ein sicherer Ort, der Kindern und Jugendlichen Schutz, Bildung, therapeutische Begleitung und Zukunftsperspektiven bietet.
Die eigenen Probleme erscheinen in dem Zusammenhang marginal. Fieback: „Ich empfinde das auch als eine gute Erfahrung für meine Mitarbeiter. Es ist gut, so etwas mal mit eigenen Augen zu sehen. Ein guter Kontrast zur Werbung für Strom oder Schokokekse.“
Lesen Sie mehr zum Thema
| # | Наименование новости | Тональность | Информативность | Дата публикации |
|---|---|---|---|---|
| 1 | Branding vs Marketing: Key differences and why both matter for success | 0 | 7 | 04-09-2025 |
| 2 | Против правил: Realweb изучил нестандартные стратегии брендов России | 0 | 7 | 21-04-2026 |
| 3 | Как сделать бренд сильнее, а не просто «покрасивее» 💪 Есть ... | 5 | 7 | 20-07-2026 |
| 4 | Основатель российского косметического бренда раскрыл секрет популярности марки | 0 | 10 | 03-08-2026 |
| 5 | Ein Instagram-Post und die Kunden stehen Schlange: Was Unternehmen vom Influencer-Hype haben | 0 | 15.89 | 15-08-2026 |
| 6 | It takes a family: Zerbach Club Lambs and making Douglas County's a sheep breeding destination | 0 | 6.4 | 27-03-2026 |
| 7 | Эрнст: современная реклама не сможет претендовать даже на "каннских тараканов" | 0 | 0 | 23-09-2025 |
| 8 | When a Brand Retires Its Best Asset | 0 | 6.49 | 28-07-2026 |
| 9 | Что такое нейромаркетинг и как он побуждает нас принимать решения | 0 | 4.44 | 11-08-2026 |
| 10 | КАК ЖЕ МЕНЯ ЭТО БЕСИТ 😡 Когда сетевик из другой ... | -5 | 4 | 21-07-2026 |