515 Läufer gingen an den Start, 297 kamen an. Antje Matthiesen und Jörn Künstner gerieten frühmorgens in ein Gewitter über Berlins Süden – und liefen weiter.
Morgens um halb fünf kamen die Wolken. Es donnerte und blitzte, ein Gewitter ging nieder auf Berlin. Antje Matthiesen erreichte gerade Neukölln. „Ich war den ganzen Tag völlig erhitzt, und dann kam so etwas“, sagt die 58 Jahre alte Berlinerin. Es war ihr persönlicher Tiefpunkt beim Mauerweglauf 2026, den 100 Meilen von Berlin. Gegen 8 Uhr erreichte sie schließlich das Ziel im Jahnsportpark, Prenzlauer Berg. Knapp 26 Stunden hatte Antje Matthiesen für die 160 Kilometer gebraucht.
Zum 14. Mal sind an diesem Wochenende die 100 Meilen nun schon auf die Reise gegangen, veranstaltet von der LG Mauerweg Berlin, die einen Teilnehmerrekord verzeichnete. 515 Einzelläufer waren diesmal dabei. 297 erreichten das Ziel. Sie waren bei moderaten Temperaturen gestartet, waren durch extreme Hitze gerannt und schließlich in Regengüssen heruntergekühlt worden.
Wieder haben die 100 Meilen Menschen zusammengebracht, auf dem ehemaligen Grenzstreifen und an Orten, die 28 Jahre lang Menschen trennten. Die meisten liefen solo, andere als Staffel und wieder andere wanderten die Strecke ab.
Auch Antje Matthiesen wanderte zwischenzeitlich. Dabei lief es am Anfang richtig gut für sie. „Auf den ersten 40 Kilometern dachte ich, ich könnte die Strecke in 22 Stunden schaffen.“ Dann kam die Hitze. 36 Grad im Schatten zeigte das Thermometer an. „Die Hitze hat mir den Stecker gezogen.“
Antje Matthiesen und Jörn Künstner vor einer Streckenkarte des Mauerweglaufs
© Markus Wächter/Berliner Zeitung
Ans Aufgeben dachte sie nicht. „Da war in mir so eine gespannte Erwartung: Schaffe ich es?“ Matthiesen legte eine Pause ein, um zu duschen. 26 Verpflegungspunkte gibt es bei den 100 Meilen entlang der Strecke. Und eben auch die Möglichkeit, sich abzukühlen.
Sie dachte über alles Mögliche nach. Auch darüber, wo sie Eis herbekam. „Ich habe drei Eis gegessen.“ Sie trank einen halben Liter Kakao, einen Mangoshake, trank Wasser, Wasser, Wasser. „Das ist ja das Schöne an einem solchen Lauf: Alles dreht sich um das Wesentliche“, sagt Matthiesen. „In Gedanken geht es darum, wann man trinkt, wann man isst, wann man schläft.“
Tatsächlich überkam sie in der Nacht große Müdigkeit. Sie fiel in Sekundenschlaf, mitten im Lauf. „Das kann gefährlich werden.“ Matthiesen suchte nach einem Platz, an dem sie sich hinlegen konnte. „Die, die infrage kamen, waren alle schon besetzt.“ Also wanderte sie einen Teil der Strecke.
Zu diesem Zeitpunkt war Jörn Künstner schon ein gutes Stück voraus. Der 56-Jährige war am Samstagmorgen um 6 Uhr zusammen mit Antje Matthiesen im Jahnsportpark gestartet. Diesmal ging es im Uhrzeigersinn über den Rundkurs. Die Richtung wechselt von Jahr zu Jahr. Auch er legte Gehpausen ein, als die Hitze kaum noch auszuhalten war. Die ersten sechs Stunden verliefen noch nach Plan. „Auf der Falkenseer Chaussee dachte ich mir: ‚Hey, du bist aber schnell unterwegs.‘“ Doch wenig später schon ging es bergab. So sehr gelitten, sagt Künstner, habe er noch nie.
Es wurde schließlich Nacht, als ihm in Baumschulenweg ein Licht entgegenkam, eine Handlampe. Es war seine Freundin, die auf ihn zulief. Sie hatte am letzten Verpflegungspunkt Essen und Getränke ausgeteilt. Jetzt bestritten sie den Rest des Rennens gemeinsam. „Von da an ist meine Geschwindigkeit wieder hochgegangen“, erzählt Jörn Künstner. Er erreichte den Jahnsportpark nach knapp 24 Stunden.
Es ist Sonntagnachmittag, als sich Künstner und Matthiesen in einem Hotel in Mitte wiedersehen. Die Siegerehrung steht an. An einem Stand im Foyer liegen Medaillen. Jeder, der es ins Ziel geschafft hat, ist ein Sieger. Manche gehen schleppend, hinken leicht sogar. Vor einer Berlin-Karte mit aufgezeichneter Streckenführung lassen sich einige fotografieren.
Rainer Eppelmann ist gekommen, der ehemalige DDR-Bürgerrechtler und letzte DDR-Verteidigungsminister. Es gibt eine Art Festakt nach jeder Auflage. Die 100 Meilen finden in zeitlicher Nähe zum 13. August statt, dem Jahrestag des Mauerbaus. Das Rennen soll an all diejenigen erinnern, die während der 28 Jahre der zementierten Teilung beim Fluchtversuch ums Leben kamen oder gefasst und eingesperrt wurden.
Zwei Tage vor dem eigentlichen Lauf geht es traditionell auf eine kleine Runde, sieben Kilometer lang diesmal. Beim sogenannten Memorial Run wird an historische Begebenheiten entlang der Mauer erinnert. „Ich erfahre dabei jedes Mal etwas, das ich bisher noch nicht wusste“, sagt Künstner. Den Teilnehmern aus anderen Ländern dürfte es erst recht so gehen. Am Sonntag im Hotelfoyer sind verschiedene Sprachen zu hören: Englisch, Französisch, Spanisch.
Die 100 Meilen selbst haben ihre eigenen Gesetze – und jeder Teilnehmer seine eigene mentale Strategie. Denn der Verstand läuft mit. Ihn nicht zu verlieren, ist mindestens genauso wichtig wie die körperliche Konstitution. Jörn Künstner zum Beispiel rechnet, wenn es hart wird, kalkuliert Durchgangszeiten. Er ist zum zehnten Mal dabei gewesen.
Antje Matthiesen lief schon in einer Staffel. Als Solistin war sie in diesem Jahr zum dritten Mal am Start. Für sie fühlen sich die 160 Kilometer immer wie eine Reise an. „Dort zu laufen, wo ich früher nicht durchkam, verursacht bei mir immer noch eine Gänsehaut.“ Es ist ein besonderer Wettbewerb unter den vielen, die sie und Künstner im Jahr bestreiten. Auf ungefähr zwei solcher Ultraläufe kommen die beiden durchschnittlich im Monat.
Antje Matthiesen im Ziel im Jahnsportpark
© Privat
Jörn Künstner war einmal Raucher, er kam durch eine Wette mit einer Kollegin zum Laufsport. Die Strecken wurden immer länger. Mit der Form stiegen die Ansprüche; die Gefahr beim Sport besteht darin, dass das eine nicht zum anderen passt. Künstner selbst bekam bei einer Auflage der 100 Meilen einmal körperliche Probleme, musste aussteigen und anschließend acht Monate pausieren.
So hat jeder Mauerweglauf für jeden Teilnehmer eine eigene Geschichte. In Erinnerung bleiben vor allem die schönen Momente. Für Jörn Künstner bleibt von diesem Jahr vielleicht jener Augenblick, als er in der Nacht eine Handleuchte auf sich zukommen sah. Und für Antje Matthiesen, dass sie Blitz und Donner nicht stoppen konnten.
Lesen Sie mehr zum Thema
| # | Наименование новости | Тональность | Информативность | Дата публикации |
|---|---|---|---|---|
| 1 | Вопреки погоде. В столице в седьмой раз прошел Московский марафон | 0 | 0 | 22-09-2019 |
| 2 | Sawe zurück beim Berlin-Marathon | 5 | 7 | 13-05-2026 |
| 3 | Deutsche bricht Marathon-Weltrekord | 5 | 7 | 02-06-2026 |
| 4 | Организаторы Московского марафона считают пасмурную погоду прекрасной для его проведения | 0 | 0 | 22-09-2019 |
| 5 | Во Владимире около 1 тыс. человек приняли участие в забеге Дедов Морозов и Снегурочек | 0 | 0 | 14-01-2023 |
| 6 | Бегун из Москвы выиграл Байкальский ледовый марафон | 0 | 0 | 03-03-2019 |
| 7 | В Москве наступил самый жаркий день лета | 0 | 5 | 02-07-2026 |
| 8 | Москвичи пережили самую теплую ночь | 5 | 3 | 21-07-2026 |
| 9 | Am Morgen schon 32,8 Grad: Paar flüchtet aus heißer Altbau-Wohnung und zahlt 137 Euro für Hotelzimmer | 0 | 14.38 | 08-08-2026 |
| 10 | Just Keep Moving And Running Your Race | 0 | 13.74 | 12-07-2026 |