Der ostdeutsche Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk sieht eine Wahl der AfD kritisch. Es drohe eine Diktatur. Er kritisiert auch, die Partei stelle die Lage in Deutschland viel negativer dar, als sie sei.
Der ostdeutsche Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk sieht eine Wahl der AfD kritisch. Es drohe eine Diktatur. Er kritisiert auch, die Partei stelle die Lage in Deutschland viel negativer dar, als sie sei.
Superillu: „Faschismus ist keine Meinung“ – so der Titel Ihres neuen Buches. Sie warnen darin vor allem vor der AfD. Sind die Wähler und Mitglieder dieser Partei in Ihren Augen „Faschisten“?
Kowalczuk: Ich halte nichts von der milden Deutung vieler Politiker und Journalisten, dass zwar die AfD rechtsradikal sei, nicht aber ihre Wähler. Die AfD strebt autoritäre Staatsstrukturen an. Sie hat rassistische Grundideen. Das macht diese Partei zu einer faschistischen Bewegung und ihre Wähler zu einer faschistischen Wählerschaft. Wer Faschisten wählt, ist ein Faschist.
Meine Aussage mag manchem AfD-Wähler wehtun. Aber ich sage das aus Respekt vor deren Urteilsvermögen. Wir sollten jeden Bürger unseres Landes ernst nehmen in seiner Urteilsfähigkeit. Wer die faschistische AfD wählt, weiß, was er tut. Und er weiß auch, dass er für alles verantwortlich sein wird, was die AfD mit unserem Land macht.
Viele Menschen, ob in Ost- oder Westdeutschland, haben die AfD gewählt, weil ihnen diese Asylmisere auf die Nerven ging. Die Missstände sind doch offensichtlich – von illegaler Einwanderung, Sozialmissbrauch bis hin zu gewalttätigen Islamisten. Ist man denn in Ihren Augen schon Faschist, wenn man das offen kritisiert?
Kowalczuk: Es ist völlig legitim, das alles zu kritisieren. Die Frage ist immer nur, aus welcher Richtung und mit welchem Ziel. Es ist schon auffällig, dass ausgerechnet in den Regionen Deutschlands, in denen am allerwenigsten Migranten wohnen, die AfD die meisten Stimmen holt. Da wird die Gruppe der Migranten für sozialpolitische Fehlentwicklungen, Sicherheitsprobleme, Zukunftsangst und alles Mögliche hauptverantwortlich gemacht, obwohl alle Statistiken komplett dagegen sprechen.
Vierzig Prozent im Osten für die AfD sind aber auch Ausdruck einer generellen Unzufriedenheit, einem Willen nach einer anderen Politik, einem anderen „System“…
Kowalczuk: Es gab auf deutschem Boden noch nie ein so großartiges gesellschaftliches System wie das, in dem wir gerade leben. Fünfundneunzig Prozent der Menschheit, die aktuell lebt, würde sicherlich gerne in solchen nach Darstellung der AfD angeblich achso „schrecklichen“ Verhältnissen leben wie wir.
Im globalen Vergleich zählt die Bundesrepublik Deutschland, drittgrößte Volkswirtschaft der Welt, zu den politisch, sozial, wirtschaftlich, gesellschaftlich stabilsten und besten Systemen, die es gibt und die es in der Weltgeschichte je gab. Unser Land mag viele Probleme haben, aber es sind alles Probleme auf einem Luxusniveau. Die größte Angst, die viele haben, ist doch einfach nur, dass wir dieses hohe Wohlstandsniveau, das wir genießen, nicht mehr halten können.
Diese Extremisten von der AfD fürchten dagegen vor allem eins: dass ihre ganzen negativen Grundnarrative über unsere Gegenwart nicht mehr ziehen. Dass ihnen die Leute ihre Lügen und ihre Schwarzmalerei nicht mehr abkaufen.
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Auch im Westen Deutschlands wählen viele AfD. Und weltweit sind ähnliche politische Bewegungen im Aufwind – mancherorts, wie bei Donald Trump in den USA oder Giorgia Meloni in Italien sogar an der Regierung.
Was wir in Ostdeutschland beobachten können, ist exemplarisch dafür, was der gesamten westlichen Welt droht. Es gibt eine extreme Verunsicherung, Verlustangst. Diese Unsicherheit hat natürlich etwas damit zu tun, dass sich die Welt rasant verändert, durch Digitalisierung und Globalisierung. Und dass keiner von uns sagen kann, wie die Zukunft morgen aussieht.
Deswegen fragen sich viele: „Wie kann ich wieder sicher leben?“ Und dann kommen diese Extremisten ins Spiel, die AfD oder Trump oder wer auch immer. Die haben genau ein Versprechen in ihrem Rucksack und das ist Sicherheit. Die sagen: „Wir bieten euch Sicherheit.“ Und wie bieten wir euch Sicherheit? Indem wir euch vorgaukeln, wir könnten euch die angeblich ach so schöne Vergangenheit zurückholen.
Diese Vergangenheit deuten sie um, verklären sie, machen sie zum Heilsversprechen. Trump verspricht seinen Wählern das angeblich so goldene Amerika vor Jahrzehnten zurück – das so golden bestimmt nicht war, wir denken nur an die Rassentrennung.
Und ausgerechnet die AfD setzt wie früher nur die PDS und die Linke im Osten auf die Verklärung der DDR-Vergangenheit, in der angeblich alles so national, homogen, voll sozialer Sicherheit, ohne Kriminalität und mit Arbeit und Wohnung für alle war. Und verspricht, dass alles noch viel schöner wiederherzustellen. Es ist überall gleich. Ich fürchte, wir stehen an der Schwelle zu einem neuen autoritären Zeitalter, weltweit.
Die rasanten Veränderungen, die wir erleben, können aber schon Angst machen. Das erinnert viele an das Jahr 1989, als auch die ganze Welt Kopf stand…
Also, mich erinnert das nicht an 1989. Das fängt schon damit an, dass wir hier ganz offen miteinander reden und hinterher alles frei und unzensiert in „SuperIllu“ veröffentlicht wird. Die Presse- und Meinungsfreiheit musste damals erst mühsam erkämpft werden. Natürlich stehen wir vor einem epochalen Wandel in der Welt. Am Anfang einer digitalen Revolution, von der wir noch nicht wissen, wo es hingeht. Diese Unsicherheit ist vielleicht die einzige Parallelität zur friedlichen Revolution 1989, die auch ein Aufbruch ins Ungewisse war.
Das hört sich alles recht bedrohlich an…
Es muss nicht so schlimm kommen – wenn wir etwas dagegen tun. Demokratie und Freiheit funktionieren nur, wenn wir uns in unsere eigenen Angelegenheiten einmischen; wenn wir das, was verändert werden muss, verändern. Und die Leute nicht vom Staat erwarten, was sie selbst tun müssen – sich in der Zivilgesellschaft, in Parteien engagieren, mitmachen. Sonst funktioniert das nicht, sonst bricht das zusammen. Und wichtig ist auch, dass man wählen geht, dass man eine demokratische Partei wählt.
Viele AfD-Politiker berufen sich darauf, dass die AfD die Werte der friedlichen Revolution von 1989 verteidige, dass sie für Meinungsfreiheit und Demokratie kämpfe.
Die Revolution von 1989 war eine Freiheitsrevolution. Das war der Aufstand für eine offene Gesellschaft, für ein offenes Land mit freien Menschen. Die Werte von 1989 stehen für Demokratie, für Freiheit, für eine offene Gesellschaft, für Menschenrechte für alle. Die AfD strebt genau das Gegenteil an, nämlich keine offene Gesellschaft, und sie will die Desintegration. Sie will bestimmte Gesellschaftsteile ausgrenzen, teilweise sogar deportieren. Es ist ein Hohn, dass sich die AfD auf die Werte von 1989 beruft.
Von Gerald Praschl
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