Gerade im Hochpreis-Segment lernen viele Unternehmen offenbar tatsächlich erst dann, wenn es richtig weh tut. Ferrari macht es nicht anders.
Gerade im Hochpreis-Segment lernen viele Unternehmen offenbar tatsächlich erst dann, wenn es richtig weh tut. Ferrari macht es nicht anders.
Konfuzius kannte drei Arten, um zu lernen: Durch Weisheit, die erhabeneste. Durch Nachahmen, die einfachste. Durch Erfahrung, die bitterste. Man könnte es auch „Lernen durch Schmerzen“ nennen.
Prof. Dr. Veit Etzold ist Strategieberater, CEO-Coach und Marketingexperte, der sich auf Neuromarketing und unternehmerische Strategieentwicklung spezialisiert hat. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle.
Ferrari selbst hat seine ursprünglichen Elektroziele inzwischen sogar bereits zurückgeschraubt. Statt 40 Prozent Elektroautos bis 2030 plant man inzwischen nur noch 20 Prozent reine E-Autos und setzt wieder stärker auf Hybrid- und Verbrennermodelle. Dennoch sind jetzt erstmal, passend zu Namen des neuen Autos, die Lichter ausgegangen und die Aktie eingebrochen.
Für mich zeigt das einmal mehr eine alte Wahrheit aus Marketing und Markenführung: Neue Kunden zu gewinnen, ist extrem schwer. Alte Kunden zu vergraulen dagegen erstaunlich einfach. Und genau diesen Fehler scheinen derzeit einige traditionsreiche Autohersteller immer wieder zu machen. Konfuzius würde sagen: Sie lernen durch Nachmachen. Aber auf die bittere Art.
In Europa brachen die Verkäufe zeitweise um rund 97 Prozent ein. Selbst wenn Jaguar darauf verweist, dass man die Produktion vieler Modelle eingestellt habe, zeigt die Entwicklung dennoch, wie gefährlich es ist, eine Marke zu weit von ihrer ursprünglichen Identität zu entfernen. Bei Porsche sind Gewinneinbrüche von über 90 Prozent ebenfalls an der Tagesordnung.
Und genau diesen Fehler sehe ich nun auch bei Ferrari. Der neue Ferrari Luce wirkt auf mich eben nicht wie ein Ferrari, sondern eher wie irgendein futuristischer Premium-Mittelklassewagen mit Lufthansa-Lounge-Optik im Innenraum. Viele Beobachter vergleichen das Design sogar eher mit einem Hightech-Lifestyleprodukt als mit einem klassischen Supersportwagen.
Entwickelt wurde das Auto unter anderem gemeinsam mit dem ehemaligen Apple-Designer Jony Ive, was man dem Fahrzeug meiner Meinung nach auch deutlich ansieht. Apple und Jony Ive machen designtechnisch einen tollen Job, doch Ferrari Kunden wollen offenbar ein Auto, das nach Ferrari aussieht und nicht nach Apple. Die Anbiederungsmethode an „zeitgemäße“ Designs wirkt ähnlich wie Autoverkäufer im Premiumsegment, die extra schlampig herumlaufen, damit sie eine „jüngere“ Zielgruppe ansprechen.
Doch gerade wer viel Geld auf den Tisch legt, möchte seriös behandelt werden. Das gilt nicht nur für Autoverkäufer, sondern auch für Luxushotels oder Sterne-Restaurants, wo man mittlerweile ganz selbstverständlich geduzt wird, ohne dass gefragt wird, ob die Kunden das wollen. Wer Premiumpreise nimmt, aber nicht premium-artig rüberkommt, verliert ganz schnell den Premium Aufschlag. Denn Zahlungsbereitschaft oder „willingness to pay“ ist nicht Gott-gegeben.
Technisch ist der Luce ohne Frage beeindruckend. Das Fahrzeug soll über 1.000 PS leisten, mit vier Elektromotoren ausgestattet sein und in rund 2,5 Sekunden auf 100 km/h beschleunigen. Die Reichweite liegt laut Ferrari bei über 500 Kilometern, geladen wird mit einer 800-Volt-Architektur und bis zu 350 kW Ladeleistung.
Außerdem handelt es sich um einen Viersitzer mit vier Türen – also ebenfalls ein deutlicher Bruch mit dem klassischen Ferrari-Konzept. Wer eine Familienkutsche will, wo am besten noch ein Bernhardiner in den Kofferraum passt, kauft keinen Ferrari.
Und genau hier liegt aus meiner Sicht das eigentliche Problem: Ferrari-, Porsche- oder Jaguar-Kunden kaufen diese Fahrzeuge eben nicht nur wegen der reinen Leistung oder dem Platz im Inneren. Sie kaufen Emotionen. Dazu gehören Design, Tradition und vor allem auch der Motorsound. Man kann das persönlich albern finden – ich selbst mag eher leise Autos –, aber darum geht es nicht. Entscheidend ist, was die eigentlichen Kunden wollen. Der berühmte Satz aus dem Marketing gilt eben bis heute: Der Wurm muss dem Fisch schmecken und nicht dem Angler.
Offenbar verstehen viele Hersteller nicht, dass sie mit solchen Fahrzeugen zwar versuchen, neue Kundengruppen anzusprechen, dabei aber gleichzeitig riskieren, ihre bisherigen Stammkunden zu verlieren. Genau das scheint derzeit bei Porsche, Jaguar und nun eben auch Ferrari zu passieren.
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