BMW warnt vor sinkenden Gewinnen. Dabei waren die Münchner bisher die Ausnahme unter den Top drei der deutschen Autobauer. Ist es damit nun vorbei?
BMW warnt vor sinkenden Gewinnen. Dabei waren die Münchner bisher die Ausnahme unter den Top drei der deutschen Autobauer. Ist es damit nach der dritten Warnung in drei Jahren vorbei?
BMW war lange der letzte große Hoffnungsträger der deutschen Autoindustrie. Es war der Hersteller, bei dem Investoren, Kunden und Mitarbeiter noch das Gefühl hatten: Dort sitzt einer am Steuer, der weiß, wohin die Reise geht. Während Volkswagen sich in Strukturproblemen verhedderte und Mercedes immer stärker unter der Schwäche des China-Geschäfts litt, wirkte BMW wie der Kapitän mit knitterfreier Uniform auf der Brücke bei stürmischer See. Mit der aktuellen Gewinnwarnung, stellt sich eine Frage, die bisher respektlos geklungen hätte: Verliert BMW diesen Sonderstatus?
Die Gewinnwarnung von dieser Woche ist kein einmaliger Betriebsunfall. Sie ist Teil einer Entwicklung. BMW hat ständig seine Ziele nach unten korrigieren müssen. Die aktuelle Warnung ist die dritte in zwei Jahren. Trotzdem blieb der Ruf erstaunlich intakt. Während Gewinnwarnungen bei anderen Herstellern als Beleg für Managementversagen galten, wurden sie bei BMW oft als Ausdruck besonderer Ehrlichkeit interpretiert. Die Münchner genossen einen Vertrauensvorschuss, von dem die Konkurrenz nur träumen konnte.
Der Grund für das Vertrauen in BMW hat viel mit dem Ruf als Familienunternehmen zu tun. Während Volkswagen zwischen Politik, Landesregierung, Gewerkschaften und Kapitalmarkt eingeklemmt ist und Mercedes Quartal für Quartal den Erwartungen der Börse hinterherfährt, sollen die Familien Quandt und Klatten bei BMW stets eine andere Perspektive eingebracht haben: Sie denken nicht in Quartalen, sie denken in Generationen. Das macht Fehler nicht unmöglich. Aber es schafft Geduld. Und Geduld wird in Zeiten technologischer Umbrüche zu einer strategischen Ressource.
Doch Vertrauen funktioniert wie ein Bankkonto. Man kann davon leben. Man kann davon profitieren. Man kann auch immer wieder etwas abheben. Irgendwann stellt sich allerdings die Frage, wie viel noch auf dem Konto ist. Deshalb geht es bei dieser Gewinnwarnung um weit mehr als um ein paar Prozentpunkte Marge. Es geht um die Glaubwürdigkeit der Geschichte, die BMW seit Jahren über sich selbst erzählt.
Es kursieren derzeit zwei mögliche Erklärungen zu dieser Geschichte. Die erste wäre beruhigend: Mit dem Übergang an der BMW-Spitze von Oliver Zipse zu Milan Nedeljković könnte in München gerade das klassische Ritual eines Führungswechsels stattfinden. Der neue Mann räumt den Keller aus. Alles, was belastet, wird abgeschrieben. Alles, was weh tut, kommt auf den Tisch. Das aktuelle Jahr wird möglichst düster gezeichnet, damit die Zukunft den neuen Helden umso heller anstrahlt. Die Börse kennt dieses Muster seit Jahrzehnten. Neue Chefs lieben den großen Kassensturz, was heute abgeschrieben wird, muss morgen nicht mehr erklärt werden. Wenn das die Wahrheit ist, dürfte die aktuelle Aufregung schnell wieder verschwinden.
Doch was, wenn die zweite Erklärung näher an der Realität liegt? Dann wäre die Gewinnwarnung kein Aufräumen. Dann ist sie ein Symptom dafür, dass BMW inzwischen denselben Kräften ausgesetzt ist wie alle anderen deutschen Hersteller.
Diese Kräfte haben einen Namen: China. Über viele Jahre war China für BMW kein Markt. China war eine Gelddruckmaschine. Die deutschen Premiumhersteller mussten ihre Autos nur auf die Schiffe stellen, der Rest erledigte sich fast von allein. Heute hat sich die Lage umgekehrt, chinesische Hersteller kopieren nicht mehr. Sie greifen an. Sie entwickeln schneller, beherrschen Software besser und haben verstanden, dass Elektromobilität das Zentrum des Geschäftsmodells ist.
BMW’s Antwort ist die „Neue Klasse“. Sie ist weit mehr als eine neue Fahrzeuggeneration. Kaum ein Projekt wurde in München mit größeren Erwartungen aufgeladen: Neue Plattform, neue Batterietechnik, neue Softwarearchitektur, neues Design. Die „Neue Klasse“ soll BMW in die Zukunft tragen. Sie soll beweisen, dass deutsche Ingenieurskunst gegen BYD, Xiaomi oder Tesla bestehen kann. Rundherum ein Neuanfang also.
Doch braucht ein Unternehmen, das sich seiner Stärke vollkommen sicher ist, einen Neuanfang? Es entwickelt sich weiter. Wenn der Neuanfang die Antwort auf nahezu jede strategische Frage der kommenden Jahre liefern soll, wird das Projekt vom Hoffnungsträger zur Belastung. Noch gibt es keinen Beweis, dass die „Neue Klasse“ scheitern wird. Im Gegenteil. Die ersten Signale wirken vielversprechend. Aber die Nervosität, die derzeit aus München zu hören ist, zeigt: Niemand dort geht davon aus, dass der Erfolg automatisch kommt.
Wird er mühsam, dauert es zu lange, bis er sichtbar wird, dann wird die aktuelle Gewinnwarnung mehr sein als eine verfehlte Prognose. Dann besteht die Gefahr, dass sie der Anfang von etwas ist, das sich nicht bilanzieren lässt: das Ende des Mythos von BMW.
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