Volkswagen versucht, nach mehreren Strategiewechseln wieder Fuß zu fassen. Mehrere Werke stehen auf der Kippe.
Die neuen Sparpläne wirken brutal. Sie sind weniger Ausdruck eines Absturzes als einer fälligen Korrektur. Volkswagen verkauft weiter Millionen Autos. Ein Kommentar.
Bis zu 100.000 Stellen weltweit sollen verschwinden und damit doppelt so viele wie geplant, vier Werke stehen auf der Streichliste und möglicherweise kommt sogar eine organisatorische Aufspaltung des Konzerns: Was aktuell auf Grundlage eines Berichts des Manager-Magazins aus den Beratungen des Volkswagen-Vorstands dramatisch nach außen dringt, klingt wie der Sanierungsplan eines Unternehmens in existenzieller Not. Das ist Volkswagen aber nicht.
Der Konzern verkauft nach wie vor knapp neun Millionen Fahrzeuge pro Jahr. In Europa wächst das Geschäft, die Verkäufe von Elektroautos legen kräftig zu. VW ist auf diesem Kontinent mit Abstand Markführer. Es ist also keineswegs ein Unternehmen ohne Kunden oder ohne wettbewerbsfähige Produkte. Das Problem liegt an einer anderen Stelle und das macht die jetzt diskutierten weitreichenden Pläne sehr plausibel.
Der Umsatz von VW ist weitgehend stabil geblieben. Gleichzeitig hat sich der Gewinn im vergangenen Jahr mehr als halbiert. Die operative Marge liegt nur noch bei 2,8 Prozent, und damit auf einem Niveau, das Volkswagen zuletzt während des Dieselskandals erreicht hatte. Diesmal allerdings ohne Betrugsskandal, ohne Rückstellungen in Milliardenhöhe und ohne Sondereffekte. Nicht die Nachfrage ist offenbar das eigentliche Problem. Es sind die Kosten.
Deshalb sind die nun diskutierten Sparmaßnahmen wirtschaftlich nachvollziehbar. Wer bei nahezu konstantem Umsatz immer weniger verdient, muss zwangsläufig an die Kostenstruktur heran. Das gilt selbst dann, wenn die Maßnahmen politisch und sozial höchst umstritten sind. Damit endet die Geschichte allerdings nicht.
Volkswagen sieht sich auch als Opfer eines tiefgreifenden Strukturwandels. Man ist schließlich nicht allein mit seinen Problemen: Mercedes verdient deutlich weniger als noch vor wenigen Jahren, BMW kämpft ebenfalls mit sinkenden Margen. Die gesamte deutsche Automobilindustrie hat seit 2019 bereits mehr als 100.000 Arbeitsplätze abgebaut. Doch mit diesem Verweis auf die Konkurrenz würde es sich Konzernchef Oliver Blume zu einfach machen. Die deutschen Hersteller haben viele ihrer Probleme selbst geschaffen, VW vorneweg.
Zum einen kann von einer weltweiten Krise des Marktes keine Rede sein. Europa stagniert, China verliert an Bedeutung, weil der Markt immer satter wird, die USA bleiben ein schwieriger Premiummarkt. Aber unterm Strich wächst der weltweite Absatz von Autos, weil in Südostasien, Indien, Lateinamerika sowie Teilen Afrikas mehr gekauft wird.
Das, was lange als „Rest der Welt“ verspottet wurde, hat beim Absatz inzwischen jeden einzelnen der großen Märkte – China, Europa und die USA – überholt. In diesem „Rest der Welt“ investieren chinesische Hersteller mit großer Geschwindigkeit. Die deutschen tun es zunehmend auch. Nur fehlen ihnen dazu die Gewinne aus dem restlichen Märkten.
Sie sprudelten über Jahrzehnte, weil das Geschäftsmodell hierzulande nahezu perfekt funktionierte. Hochwertige Fahrzeuge wurden an vergleichsweise teuren Standorten produziert und weltweit mit hohen Margen verkauft.
Möglich wurde das durch drei Faktoren:
Diese Voraussetzungen existieren heute nicht mehr.
Der Verbrennungsmotor mit seinen mehr als 2000 Teilen, den die Deutschen beherrschen, wie sonst wenige, ist für den Massenmarkt ein Auslaufmodell. Der zweite Vorteil, nämlich China als Absatzmarkt zu melken, ist ebenfalls verschwunden.
Dort dominieren inzwischen heimische Anbieter wie BYD oder Geely den Markt. Sie entwickeln schneller, produzieren günstiger und treffen den Geschmack chinesischer Kunden oft besser als europäische Hersteller. Aus einem Absatzmarkt für VW ist innerhalb weniger Jahre ein hochgefährlicher Wettbewerber geworden. Auch den dritten Vorteil gibt es nicht mehr. Die Zeiten billiger Energie mit russischer Hilfe sind vorbei.
Doch diese Veränderungen erklären nur einen Teil der Misere. Der andere Teil trägt noch deutlicher das Volkswagen-Logo. Kaum ein anderer großer Hersteller hat in den vergangenen Jahren so viele strategische Richtungswechsel vollzogen wie die Konzernlenker von VW. Erst sollte die Zukunft ausschließlich elektrisch werden, später wurden Verbrenner wieder verlängert. Die Software wollte Volkswagen selbst entwickeln, dann wurden Partnerschaften nötig. Eigene Plattformen galten als Königsweg, inzwischen setzt der Konzern zunehmend auf Kooperationen mit Rivian in der Elektronik oder Xpeng bei den Fahrzeugplattformen.
Jede dieser Kehrtwenden kostete Zeit, Geld und Vertrauen. Das Hin und Her zeigt: Das Management hat den Weltkonzern nicht mehr im Griff. Dass Volkswagen inzwischen über eine organisatorische Trennung von Konzernteilen nachdenkt, ist deshalb mehr als ein Sparprogramm. Es ist der Versuch, einen der komplexesten Industriekonzerne Europas grundlegend neu zu organisieren.
Vor diesem Hintergrund sind die aktuellen Sparpläne keine Absurdität, sondern der Versuch, wieder die Füße auf den Boden zu bekommen. Die endgültige Entscheidung, wie es weitergeht, liegt jetzt beim Aufsichtsrat, der Anfang Juli über die Pläne beraten soll. Dort sitzen nicht nur die üblichen Vertreter der Anteilseigner, sondern auch Arbeitnehmervertreter sowie das Land Niedersachsen, das dank des VW-Gesetzes über eine Sperrminorität verfügt.
Hinzu kommt die bis 2030 vereinbarte Beschäftigungssicherung für die deutschen Standorte. IG Metall und Betriebsrat haben bereits angekündigt, Werksschließungen und einen massiven Stellenabbau mit allen Mitteln bekämpfen zu wollen.
Die wirtschaftliche Logik spricht also für einen harten Sparkurs. Die politische Realität spricht dafür, dass jeder einzelne Schritt zum Machtkampf wird. Doch unabhängig davon, wie viele Werke am Ende tatsächlich schließen oder wie viele Arbeitsplätze gestrichen werden, steht eines bereits heute fest: Volkswagen verändert sich grundlegend.
Der Konzern wird dort entwickeln, produzieren und investieren, wo Märkte wachsen, Kosten wettbewerbsfähig sind und Entscheidungen schneller getroffen werden können. Partnerschaften in den USA, Entwicklungszentren in China und neue Wachstumsregionen in Asien, Lateinamerika oder dem Nahen Osten sind kein Nebenschauplatz mehr, sondern sie werden zum Kern des Geschäfts.
Volkswagen bleibt ein deutscher Konzern. Aber sein Geschäftsmodell rückt Deutschland nicht in den Mittelpunkt. Die jetzt bekannt gewordenen Sparpläne sind kein Kostensenkungsprogramm. Sie markieren den Abschied von einem Geschäftsmodell, das Deutschland jahrzehntelang reich gemacht hat, aber nicht mehr funktioniert.
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