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Artenschwund: Ein bisschen mehr Naturschutz allein stoppt den Rückgang nicht

Дата публикации: 10-08-2026 06:12:08

Eine neue Studie zeigt: Selbst ambitionierte Naturschutzpläne können den Rückgang von Vögeln und Schmetterlingen in Europa nicht aufhalten. Nötig sind tiefgreifende Veränderungen in Landwirtschaft, Ernährung und Ressourcennutzung.

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Mehr als ein bisschen Naturschutz: Um den Artenschwund zu stoppen, braucht es tiefgreifende Veränderungen

Französische Wissenschaftler haben modelliert, wie sich ambitionierte Naturschutzstrategien auf die Vielfalt von Vögeln und Insekten auswirken werden. Ihr Fazit: Für eine Trendwende braucht es mehr.

Der knallorange Große Feuerfalter auf einer Blüte.

Der Große Feuerfalter ist einer von zahlreichen bedrohten Schmetterlingsarten, deren Abwärtstrend sich fortsetzt. Insekten sind auch für die Landwirtschaft überlebenswichtig.

Mehr Schutzgebiete, weniger intensive Landwirtschaft und eine vielfältigere Landschaft: Das sind die Rezepte, mit denen der dramatische Artenschwund bei Vögeln und Insekten gestoppt werden soll.

Eine neue Studie zeigt nun aber: Selbst ambitionierte Szenarien, die zentrale Ziele der europäischen und globalen Biodiversitätspolitik wie die EU-Biodiversitätsstrategie oder das Weltnaturabkommen GBF berücksichtigen, reichen nicht aus, um den Abwärtstrend bei Vögeln und Schmetterlingen in Europa zu stoppen. Für eine Wende in der Artenkrise sei ein grundlegendes Umsteuern über den reinen Naturschutz hinaus nötig – hin zu weniger Landverbrauch und zu einem schonenden Umgang mit den verbliebenen natürlichen Ressourcen.

Eine Feldlerche sitzt in einer grünen Wiese, im Hintergrund blüht der Löwenzahn gelb.

Die Vielfalt unter Vögeln, anderen Tieren und Lebensräumen schwindet europaweit. Feldlerchen gehören zu den großen Verlierern der Intensivlandwirtschaft im Grasland.
Ohne Artenvielfalt läuft nichts

Der Rückgang der Artenvielfalt und der schieren Anzahl von lebenden Organismen in den Ökosystemen gilt als größtes ökologisches Problem der Menschheit in derselben Dimension wie der Klimawandel.

Denn Arten und Individuen halten das Netz des Lebens in ökologischen Systemen zusammen und sorgen dafür, dass diese „produktiv“ bleiben – auch für Menschen. Das wohl bekannteste Beispiel für diese Freundschaftsdienste der Natur für den Menschen ist die Bestäubung. Nur, wenn es genügend bestäubende Insekten, Bodenlebewesen anderer Organismen gibt, können auch genügend Lebensmittel für Menschen produziert werden.

Aber auch für das Funktionieren der Ökosysteme selbst ist eine hohe Anzahl von Arten und Individuen entscheidend. Gerade erst haben Studien belegt, wie wichtig Zugvögel für das Überleben der mediterranen Küstenlandschaften sind.

Eine bunt blühende Wiese aus Mohn, Kornblumen und weiteren Wildpflanzen

Blühflächen, die Bestäubern Nahrung bieten, stehen weltweit immer stärker unter Druck durch die industrialisierte Landwirtschaft. Damit gerät auch die Lebensmittelproduktion für Menschen in Gefahr.
Die Lage der Natur ist katastrophal

Im krassen Gegensatz zu ihrer Bedeutung steht die tatsächliche Entwicklung der meisten Tierpopulationen. So kommt der Weltbiodiversitätsrat IPBES in seiner grundlegenden Analyse zum Zustand der Natur von 2019 zu dem Ergebnis, dass innerhalb der nächsten 80 Jahre - also einer menschlichen Lebensspanne - eine Million Arten aussterben könnten, wenn nicht energisch gegengesteuert wird. Das entspräche jeder achten Art, die schätzungsweise existiert.

Der globale Bericht zur Lage der Vögel weltweit konstatiert, dass jeder achten Vogelart das Aus droht. „Nie ging es den Vögeln auf der Erde schlechter als heute“, heißt es in dem Bericht. Dass das Artensterben auch auf unserem Kontinent längst mehr ist als ein Horrorszenario zeigte erst vor kurzem das erstmalige Aussterben eines Landvogels in Europa – des Dünnschnabel-Brachvogels.

Schmetterlinge und Vögel im Abwärtstrend

Auch auf europäischer und nationaler Ebene belegen wissenschaftliche Analysen, wie verheerend es um die Natur steht. Für Schmetterlinge ist der europaweit erhobene European Grassland Butterfly Indicator (GBI) die wichtigste Grundlage zur Bewertung der Bestandstrends von Schmetterlingen im Offenland. Die aktuellste Berechnung zeigt einen Rückgang von etwa 50 Prozent in den vergangenen drei Jahrzehnten.

Zwei Präparate des Dünnschnabel-Brachvogels liegen vor reinweißem Hintergrund

Nur noch Präparate zeugen davon, dass der Dünnschnabel-Brachvogel, ein Bewohner feuchter Grasländer, einmal existiert hat.
Deutschland ist keine Ausnahme

Auch in Deutschland sind mehr die Hälfte aller rund 260 Brutvogelarten ist in ihren Beständen gefährdet oder steht wegen massiver Bestandsverluste bei noch häufigen Arten auf einer sogenannten Vorwarnliste. Heute leben hierzulande mindestens 14 Millionen Vögel weniger als noch zu Beginn der 1990er-Jahre.

Für Schmetterlinge in Deutschland zeigen Langzeitdaten einen deutlichen Rückgang von Schmetterlingen, teils seit dem 19. Jahrhundert und besonders stark seit den 1950er bis 1970er Jahren. Besonders betroffen sind Arten, die auf nährstoffarme Grasland-Lebensräume angewiesen sind, während Generalisten häufiger stabil bleiben oder zunehmen.

Ein Dukaten-Feuerfalter an einer Pflanze

Ungedüngte Waldwiesen sind der Lebensraum des stark bedrohten Dukaten-Feuerfalters
Grüne Wüste statt Grasland: Die Lage für Vögel und Schmetterlinge in der Agrarlandschaft ist besonders düster

Besonders negativ ist der Trend für Vögel und Schmetterlinge in der Agrarlandschaft. Hier sind viele bis vor ein paar Jahrzehnten häufige Arten mittlerweile aus ganzen Landstrichen verschwunden. 70 Prozent aller Vogelarten dieses Lebensraums verzeichnen einen Bestandsrückgang, einige, wie das Rebhuhn, stehen vor dem Aus, wenn sich nicht rasch etwas ändert. Das Bundesamt für Naturschutz hat in seinem Agrarreports deutlich gemacht, dass es ohne eine Abkehr von der Intensivstlandwirtschaft und den politischen Rahmenbedingungen dazu keine Wende im Artensterben geben werde.

„Mithilfe der momentan vorhandenen einschlägigen Förderinstrumente lässt sich auf diese Weise in der Agrarlandschaft nicht einmal ein Mindestniveau an biologischer Vielfalt aufrechterhalten“, heißt es in dem Report.

Ein Wanderfalke greift einen Starenschwarm an, Silhouetten erkennbar

Die Masse schützt: Einzelne Stare gegen den Angriff eines Wanderfalken – ganze Populationen und Ökosysteme, um stabil zu bleiben.
Wissenschaft mobilisiert gegen den Artentod in der Agrarlandschaft

Auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mobilisieren gegen das Artensterben auf dem Lande. So wandten sich mehrere tausend Forscherinnen und Forscher mit einem Brandbrief an die Europäische Kommission: „Wir beobachten katastrophale Rückgänge bei Vögeln, Säugetieren, Reptilien, Amphibien und Insekten durch eine schädliche landwirtschaftliche Praxis in ganz Europa“, schrieben die Forscherinnen und Forscher. An Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen appellierten sie vor dem Hintergrund der Verhandlungen über die Finanzierung der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) in den kommenden Jahren: „Handeln Sie auf der Basis wissenschaftlicher Fakten und leiten sie ohne weitere Verzögerungen eine weitreichende Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik ein. […] Die GAP verwandelt ländliche Gebiete in grüne Wüsten mit unbewohnbaren Monokulturen mit maximalen Erträgen.“

Eine ausgeräumte Agrarlandschaft mit endlosem Acker und Windrädern im Hintergrund.

Die Agrarlandschaft gleicht häufig einer Agrarwüste – Biodiversität kann dort nicht gedeihen.

Eine Dehesa mit einzelnen Bäumen und viel Gras im Abendlicht.

Auch so kann Landwirtschaft aussehen. Eine extensiv als Weide und Korklieferant genutzte Dehesa in der südspanischen Extremadura.
Die Bedeutung der Biodiversität für das Überleben ist unstrittig

Dabei ist die Bedeutung der Artenvielfalt ist auf naturschutzpolitischer Ebene längst anerkannt. Die europäischen Biodiversitätsstrategie und das vor vier Jahren beschlossene Weltnaturabkommen GBF zielen darauf ab, sie zu erhalten und den Negativtrend zu stoppen. So sollen bis 2030 auf einem Fünftel der geschädigten Ökosysteme in der EU Maßnahmen zu ihrer Renaturierung anlaufen, der globale Artenschwund soll bis 2030 gestoppt werden.

Wie schwierig es sein wird, diese Ziele zu erreichen, hat die erst vor wenigen Tagen vorgelegte Halbzeitbilanz des GBF gezeigt: Kein einziges Ziel ist auf gutem Weg erreicht zu werden, in vielen Bereichen gibt es Rückschritte.

Ein Drohnenfoto eines wiedervernässten Waldes

Beispiel gelungener Renaturierung: Der Anklamer Stadtbruch in Mecklenburg-Vorpommern.
Studie: Mit existierenden Plänen scheitert der Kampf gegen den Artenverlust

Umso dramatischer klingen die Ergebnisse der neuen Studie. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass der Rückgang der europäischen Schmetterlinge und Vögel selbst dann nicht bis zur Jahrtausendmitte gestoppt wird, wenn selbst äußerst fortschrittliche Zukunftsszenarien zugrunde gelegt werden.

Für ihre im Fachjournal Nature Ecology and Evolution veröffentlichten Studie haben die Forscher um Stanislas Rigal vom französischen Biodiversitäts-Forschungsinstitut in Paris die Entwicklung von 265 der häufigen Vogelarten und 144 häufigen Schmetterlingsarten in ganz Europa über 20 Jahren hinweg unter die Lupe genommen und mit weiteren Daten zu Klima und Landnutzung verschnitten. Die dabei ermittelten Zusammenhänge zwischen Populationsentwicklung, Klimaänderungen und Veränderungen bei der Nutzung von Land in den 27 EU-Staaten übertrugen sie auf verschiedene wissenschaftlich fundierte Zukunftsszenarien bis 2050, wie sie von Wissenschaftlern zur Modellierung von Entwicklungen entworfen wurden.

Panoramablick über eine Dehesa in der Extremadura

Europäische Graslandschaft. Weite Teile Südspaniens werden als Weideland genutzt.

Als Basiszenario wählten die Forscher bereits einen gegenüber dem Weiter-so-Szenario (Business as usual) nachhaltiger ausgerichteten Pfad, das in der Wissenschaft häufig zugrundegelegte SSP1- oder „Taking the Green Road“-Szenario. Es beschreibt eine Entwicklung zu nachhaltigerem Wirtschaften mit einer Transformation bei Ernährung und Energiesystemen.

Die drei in der Studie modellierten zusätzlichen Naturschutzszenarien berücksichtigen darüber hinaus weitere Ziele des europäischen und globalen Biodiversitätsschutzes in unterschiedlicher Schwerpunktsetzung. Dazu gehören das Streben nach 30 Prozent Schutzgebieten bis 2030, ein jährlicher Zuwachs statt eines Verlusts natürlicher Flächen zwischen 2030 und 2050 sowie ein um 30 Prozent geringerer Einsatz synthetischer Stickstoffdünger.

Die Studie zeigt, dass die Naturschutzszenarien durchaus einen Unterschied machen, vor allem bei den Vögeln: Alle drei führen zu einem geringeren Rückgang als das bereits auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Ausgangsszenario SSP1 oder der gegenwärtige Trend. „Nature for Nature“ und „Nature as Culture“ schneiden dabei besser ab als „Nature for Society“. Besonders Agrarvögel profitieren von mehr extensiv bewirtschafteten Flächen, einer vielfältigeren Landschaft und zusätzlichen Schutzgebieten, wie in den beiden Szenarien gespiegelt. Dennoch reicht der Effekt nicht für eine Trendwende.

Bei den Schmetterlingen schneidet „Nature as Culture“ am günstigsten ab. Entscheidend dafür sind vor allem die größere Landschaftsvielfalt, der stärkere Rückgang landwirtschaftlich genutzter Flächen und eine weniger intensive Bewirtschaftung der Wälder, die mit diesem Szenario einhergehen. Der Effekt gilt allerdings nicht für alle Schmetterlingsgruppen: Bei Grünlandschmetterlingen verändert auch dieses Szenario den erwarteten Rückgang kaum.

Etwas weniger Chemie bringt keine Wende

Als Gründe für den anhaltenden Rückgang in allen Szenarien nennt die Studie das Fortwirken des Klimawandels und der intensiven Landnutzung. Hinzu kommt, dass sich die Landwirtschaft in den Szenarien – abgesehen etwa von weniger Stickstoff – nicht grundsätzlich verändert.

Die gerade überall in Europa vorherrschende politische Erzählung, der Naturschutz sei in den vergangenen Jahren zu weit getrieben worden und müsse nun zugunsten der wirtschaftlichen Entwicklung „pausieren“, wird durch die Forschungsergebnisse konterkariert.

Die Ergebnisse der Modellierungen insgesamt sind ernüchternd. Trotz Verbesserungen gegenüber dem heutigen Status und dem Basisszenario bleibt der Trend bei Vögeln wie Schmetterlingen negativ. Die Maßnahmen bremsen den Rückgang zwar, kehren ihn aber nicht – wie mit den politischen Initiativen wie dem GBF und der Biodiversitätsstrategie angestrebt – um.

Fazit der Untersuchung: Selbst die ambitioniertesten Szenarien können den Rückgang von Vögeln und Schmetterlingen höchstens bremsen, jedoch nicht stoppen, weil sie offenbar angesichts des Ausmaßes der bestehenden Übernutzung nicht ausreichend sind.

Ein Schreiadler sitzt auf einem Pfahl mit einem gelben Naturschutz-Schild.

Schutzgebiete sollen der Natur ungestörte Rückzugsräume bieten. Hier profitiert ein seltener Schreiadler.
Kein Argument gegen Naturschutz – im Gegenteil

Die Studie taugt nicht als Beleg dafür, dass Naturschutz wirkungslos ist. Im Gegenteil: Sie zeigt, dass die selbst bei ambitionierten Szenarien vorgesehenen Maßnahmen nicht ausreichen angesichts des dramatisch schlechten Zustands der Biodiversität. Die gerade überall in Europa vorherrschende politische Erzählung, der Naturschutz sei in den vergangenen Jahren zu weit getrieben worden und müsse nun zugunsten der wirtschaftlichen Entwicklung „pausieren“, wird durch die Forschungsergebnisse konterkariert.

„Wenn selbst SSP1, das darauf ausgelegt ist, den Schwerpunkt auf umweltfreundliche Prioritäten zu legen, ergänzt durch zusätzliche Naturschutzmaßnahmen in den drei Variantenszenarien, nicht ausreicht, um den Rückgang häufiger Arten aufzuhalten, sind möglicherweise ehrgeizigere Vorschriften und alternative, vorausschauende Rahmenkonzepte erforderlich“, schreiben die Autorinnen und Autoren der Studie.

Mutige Schritte über reinen Naturschutz hinaus

Nötig seien „mutige Schritte“ über den reinen Naturschutz hinaus, um den Druck auf die Ökosysteme zu senken. Dazu gehören unter anderem ein geringerer Verbrauch von Energie und Rohstoffen, eine Veränderung der Ernährung und weniger Belastungen durch die Landwirtschaft. „Unsere Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit mutiger politischer Strategien, die die Ressourcennutzung mit dem Schutz der biologischen Vielfalt in Einklang bringen“, lautet das Fazit.

Das Rechercheprojekt „Zukunft Erde Graslandschaften“ wird von der Andrea von Braun Stiftung gefördert.

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