Jeden Sommer verwandelt sich der Gutspark von Netzeband zur Theaterbühne. Was vor 30 Jahren als kleines Projekt begann, ist heute ein kulturelles Aushängeschild der Region.
Theatersommer Netzeband Vom kleinen Projekt zum kulturellen Aushängeschild
Von Sophie Goldau
Für gewöhnlich geht es in Netzeband (Ostprignitz-Rupin) eher beschaulich zu. Doch einmal im Jahr erwacht das 200-Seelen-Dorf so richtig zum Leben. Dann wird der Ort zur Bühne für den Theatersommer, der Besucherinnen und Besucher aus der ganzen Region anzieht. Am Freitag und Samstag ist es wieder soweit.
Dass es den Netzebander Theatersommer gibt, ist einem Ehepaar aus Düsseldorf zu verdanken: Die Landschaftsarchitekten Horst und Johanna Wagenfeld entdeckten Anfang der 1990er Jahre zufällig die damals verfallene klassizistische Dorfkirche. Sie machten es sich zum Ziel, das Dorf weiterzuentwickeln, restaurierten die Kirche und riefen den Theatersommer ins Leben. Dafür akquirierten sie Fördermittel, investierten aber auch ihr eigenes Geld.
1996 gestaltete das Ehepaar den Gutspark zu einer Freilichtbühne um und gründete gemeinsam mit den Theatermachern Jürgen Heidenreich und Frank Matthus einen Förderverein. Heute trägt sich das Projekt vor allem aus Eintrittsgeldern, ergänzt durch Landesförderung und Sponsoring.
Synchrontheater als Markenzeichen
Besonders ist in Netzeband die eigens entwickelte Form des Synchrontheaters. Die Darstellerinnen und Darsteller spielen mit übergroßen Masken, während die Dialoge aus dem Off kommen. Eingesprochen werden sie von bekannten Stimmen wie Corinna Harfouch, Gerd Silberbauer oder Daniela Ziegler. Der Grund ist auch pragmatisch: Die weitläufige Bühnenarena ist akustisch schwer zu bespielen. Deshalb wird der gesamte Text vorab als eine Art Hörspiel produziert.
Auf der Bühne entsteht daraus eine Mischung aus Schauspiel und choreografischem Spiel. Das eröffnet auch Laien den Zugang zur Bühne, weil sie keine schwierigen Texte auswendig lernen müssen. Viele Mitwirkende kommen aus dem Dorf, einige standen schon als Kinder auf der Bühne und kehren später als Erwachsene zurück.
"Unter dem Milchwald" von Dylan Thomas wird beim Theatersommer Netzeband aufgeführt (Quelle: Netzband Kultur)
"Unter dem Milchwald" seit 1996
Den Anfang machte 1996 die Inszenierung von "Unter dem Milchwald" von Dylan Thomas, ursprünglich als Hörspiel für die BBC geschrieben. Das Stück zeichnet ein liebevolles Porträt einer walisischen Kleinstadt und ihrer Bewohner. In Netzeband wurde daraus eine besondere Bühnenfassung mit mehr als 50 Puppen, entworfen von Jürgen Heidenreich, und einem generationenübergreifenden Ensemble von rund 15 Spielerinnen und Spielern. Bis heute eröffnet das Stück jede Saison.
Was vor 30 Jahren als kleines Projekt begann, ist heute ein kulturelles Aushängeschild der Region. Rund 5.000 Besucherinnen und Besucher zieht das Festival mittlerweile nach Angaben der Veranstalter jedes Jahr an. In diesem Sommer stehen neben "Unter dem Milchwald" noch zwei weitere Produktionen auf dem Spielplan: Das im vergangenen Jahr erfolgreiche Familienstück "Hänsel und Gretel" wird erneut aufgeführt. Aus dem Märchen hat Regisseur Axel Poike eine wilde Neufassung über Verführung und Selbstbestimmung gemacht.
Operndrama feiert Premiere
Darüber hinaus feiert am 31. Juli das von Frank Matthus und Axel Poike inszenierte Operndrama "Die Nacht des Schicksals" Premiere. Eine Gruppe Investoren will darin den Friedhof in Netzeband auflösen, um dort ein überdachtes Tropenparadies zu errichten. Doch beim Spatenstich erwachen die Toten des Friedhofs zum Leben und auch die Theatergeister, die legendären "Milchwald"-Figuren, sind aufgewühlt.
"Netzeband steht für ein Theater, das künstlerisch herausfordernd, ästhetisch einzigartig und gesellschaftlich tief in der Region verwurzelt ist", sagt Frank Matthus. Der künstlerische Leiter ist seit dem Anfang dabei. "30 Jahre Theatersommer sind ein Grund zu feiern und zugleich ein Versprechen, dass wir weitermachen", sagt er.
Sendung: Antenne Brandenburg vom rbb, 18.06.2026, 16:30 Uhr
Audio: Antenne Brandenburg vom rbb, 18.06.2026, Jörn Pissowotzk
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