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Ausstellung "Dabei sein und nicht schweigen" im Gropius-Bau

Дата публикации: 19-06-2026 09:04:00

Gabriele Stötzer ist die erste ostdeutsche Künstlerin, die im Gropius-Bau nun ihre Werke der vergangenen 50 Jahre zeigt. Während sie zu DDR-Zeiten von der Staatsgewalt unterdrückt wurde, kommt ihr nun endlich die gebührende Aufmerksamkeit zuteil.


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Kunst "Dabei sein und nicht schweigen" im Gropius-Bau Die unbotmäßige Frau

18.06.2026, Berlin: Die Künstlerin Gabriele Stötzer steht in der Ausstellung "Dabei sein und nicht schweigen“ im Gropius Bau (Quelle: dpa/J.Kalaene)
18.06.2026, Berlin: Die Künstlerin Gabriele Stötzer steht in der Ausstellung "Dabei sein und nicht schweigen“ im Gropius Bau (Quelle: dpa/J.Kalaene)

Mehrere Eier werden auf einem nackten Frauenkörper zerschlagen. Eine Hand kratzt so lange über ein Bein, bis es blutet. Pferde weiden. Eine Frau tanzt an einem Gerüst. Nackte Männer beschmieren sich mit Farbe. Eine Vulva in Großaufnahme zuckt. Ein Zopf Haare wird vom Kopf weggezogen. Eine dritte Brust aus Keramik liegt auf einem Oberkörper.

Diese Bilder aus der expressiven Welt der Super-8-Aufnahmen ziehen das Publikum gleich zu Beginn der Ausstellung "Dabei sein und nicht schweigen" schonungslos in die lebendige Welt der Gabriele Stötzer hinein. Eine Künstlerin, die in der DDR aufwuchs und dort ständig staatliche Repressionen erfuhr. Die aufgrund ihrer politischen Aktivitäten ein Jahr ins Gefängnis musste und in die Psychiatrie eingewiesen werden sollte. Die viele Vertrauensverluste aufgrund von Spitzelaktivitäten im engeren Kreis erlebte. Und viele Freund:innen in den Westen gehen sah, aber selber blieb. Nur, um immer wieder von null anzufangen.

"Sollen die doch gehen, ich bleibe", erinnert sie sich heute nicht bitter an die Bemühungen der Stasi, sondern mit einem Schmunzeln. Sie war dabei vor allem ständig in Bewegung: Ende der 70er Jahre betrieb sie in ihren Privaträumen die wichtigste Wohngalerie Thüringens, die "Galerie im Flur", gründete 1984 die einzige Künstlerinnengruppe der DDR namens "Erfurt" (mittlerweile "Exterra XX") mit, und spielte 1986 in der Frauenpunkband "Erweiterte Orgasmus Gruppe" mit.

Gabriele Stötzer: "Dabei sein und nicht schweigen" Installationsansicht, Gropius Bau, 2026 (Quelle: Rosa Merk) Gabriele Stötzer: "Dabei sein und nicht schweigen" Installationsansicht, Gropius Bau, 2026 (Quelle: Rosa Merk)

Ernstzunehmende "Schmierereien"

Es gibt kaum ein künstlerisches Medium, das sich die Künstlerin und Schriftstellerin nicht zu eigen macht. So sind die sieben großen Räume im Gropius-Bau thematisch aufgeteilt. Einer ist ihren früheren "Schmierereien" gewidmet: Große bezeichnete Bettbezüge hängen von der Decke, riesige Wandrahmen zeigen eine Fülle an Skizzen mit Stiften und Aquarell.

Schrift verschmilzt dort mit figürlichen und abstrakten Elementen, Farbflächen und Striche wechseln sich munter ab. Immer wieder tauchen comichafte Frauenfiguren auf, teilweise in aberwitzigen Verrenkungen. Humorvolle Betrachtungen, die jedoch nicht den Ernst ausblenden.

Ihre Zeichnungen wandern auch auf Keramiken oder Tapetenstücke, selbst die eigene Kleidung bei der Pressebesichtigung trägt ihre grafische Handschrift. Außerdem fertigte sie Collagen an und bemalte Fotos, die in ihren Künstlerinnenbüchern und Postkarten zu sehen sind. Ihre Arbeitsweise ist dabei stets seriell und, wie sie in einem Interview sagt, "aus einer inneren Freude heraus".

Gabriele Stötzer: "Dabei sein und nicht schweigen" Installationsansicht, Gropius Bau 2026 (Quelle: Rosa Merk) Gabriele Stötzer: "Dabei sein und nicht schweigen" Installationsansicht, Gropius Bau 2026 (Quelle: Rosa Merk)

Lustvolles Austesten

Dieser Spaß zieht sich energetisch auch im weiteren Teil der Ausstellung durch: fantasievolle Kostüme der Künstlerinnengruppe mit Videos und Postern. Stelen mit Fotos beklebt, die eine alte DDR-Wand mit all ihren Abnutzungsspuren und nackte Frauen als Baupfeiler zeigen. Zahlreiche Fotoserien zeugen von Aktionen und Experimenten von Stötzer und ihrem eigenen Körper sowie von anderen Frauen, die sie für ihre Aktionen begeistern konnte.

Es sind lustvolle Momente, in denen das eigene Austesten und Erfahren im Fokus steht, kleine Momente der Freiheit. Daneben steht die filmische Dokumentation von dem historischen Moment, das die Besetzung der Stasi-Zentrale 1989 in Erfurt durch ihre Frauengruppe "Frauen für Veränderung" festhält.

Am Ende gelangen die Besucher:innen zu den aktuellen Werken: Riesige Webarbeiten, die bunte, selbstgefärbte Wolle und Keramikelemente zu Frauenfiguren zusammensetzen. Schutzpatroninnen mit Titeln wie "Frauenkraft" oder "Die unbotmäßige Frau", die aber sanft und weich, tröstlich und einladend wirken. Manchmal nur mit einem Mund, dafür mit augenartigen Brüsten oder vulvenförmigen Bäuchen. Eine Antwort auf die krisenhafte Gegenwart, so die Künstlerin.

Gabriele Stötzer: "Dabei sein und nicht schweigen" Installationsansicht, Gropius Bau 2026 Quelle: Rosa Merk Gabriele Stötzer: "Dabei sein und nicht schweigen" Installationsansicht, Gropius Bau 2026 Quelle: Rosa Merk

Ein institutioneller Traum

Wenn Gabriele Stötzer erzählt, fasziniert und amüsiert es, ihr dabei zuzuhören, wie sie sich als Frau nicht von den "okkulten Männerverbänden" der Staatssicherheit, als auch den "Männer-Mafias" des Kunst-Undergrounds beeindrucken ließ. Doch betont sie dabei, dass sie und ihre verschwesterten Mitstreiterinnen sich nie gegen Männer wandten, sondern eben für Frauen eintraten.

Wie sich diese Energie zu so einer künstlerischen Ausdrucksstärke transformieren kann, ist beeindruckend. So ist es nicht verwunderlich, dass Gabriele Stötzer nun endlich gesehen wird und mittlerweile das Bundesverdienstkreuz sowie jüngst den renommierten Goslarer Kaiserring erhielt. Doch diese kann diese Aufmerksamkeit und Möglichkeiten manchmal selber noch gar nicht fassen. Über ihre eigene Ausstellung in den großzügigen Räumen des Gropius-Baus resümiert sie: "Du gehst da durch und es ist ein Traum".

Gabriele Stötzer: "Dabei sein und nicht schweigen" vom 19. Juni bis 6. Dezember 2026 im Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin

Sendung: Radio3, 19.06.2026, 7:40 Uhr
Audio: Radio3, 19.06.2026, Barbara Wiegand

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