Pünktlich zum Christopher Street Day sprechen Didier Eribon, Édouard Louis und Eva von Redecker über queeren Widerstand gegen den Rechtsruck. Erwartbarer Tenor: Bildet Allianzen!
Diskussion im Haus der Kulturen der Welt Über Queerness, Klasse und Faschismus
Schon die Begrüßung im übervollen Auditorium im Haus der Kulturen der Welt ist kämpferisch. "Wir befinden uns in einem Moment, in dem die größten Kürzungen des deutschen Sozialstaats seit Dekaden bevorstehen. Wir müssen uns strikt gegen sie wenden", sagt Johanna Bussemer von der Rosa-Luxemburg-Stiftung. "Die Situation ist ernst", ergänzt Bodo Niendel von der Hellen Panke Berlin, der Erwachsenenbildung der Rosa-Luxemburg-Stiftung. "Wenn wir den Faschismus bekämpfen wollen, müssen wir uns mit der Klassengesellschaft auseinandersetzen."
"Queer und Klasse" lautet der Titel der folgenden Veranstaltung – die Grundfrage des Abends ist allerdings: Wie kann queerer Widerstand gegen den Rechtsruck aussehen? Dazu haben die Rosa-Luxemburg-Stiftung und der Berliner Christopher Street Day drei queere Philosoph:innen zur Diskussion geladen: den französischen Star-Philosophen und Schriftsteller Didier Eribon, seinen jüngeren Kollegen (und Schüler) Édouard Louis und die deutsche Philosophin Eva von Redecker, die soeben ein Buch über "neuen Faschismus" herausgebracht hat.
Rechtsruck und Klassengesellschaft
Über Rechtsruck und Klassengesellschaft haben Didier Eribon und Édouard Louis selbstverständlich viel zu erzählen. Eribon war einer der ersten, der in Frankreich als führender Intellektueller über seine Scham schrieb, aus der Arbeiterklasse zu stammen ("Rückkehr nach Reims"). Der jüngere Édouard Louis trat in Eribons Spuren. Sie beide haben als schwule Männer erlebt, was Diskriminierung in der Arbeiterklasse bedeutet, aber eben auch, dass ihre Arbeiterfamilien seit Jahren den rechten Front National wählen.
Phantombesitz: Heimat, Arbeitsplatz, Vaterland
Eva von Redecker hingegen kommt aus keiner klassischen Arbeiterfamilie, sondern ist auf einem Bio-Bauernhof in Schleswig-Holstein großgeworden. Sie bringt in ihrem neuen Buch "Dieser Drang nach Härte: Über den neuen Faschismus" nun Faschismus mit einer radikalisierten Logik von Eigentum zusammen. Neue Faschisten meinten, ihnen gehörten bestimmte Dinge: Nation, Heimat, Arbeitsplatz. Darauf erheben sie, so die Autorin, Anspruch: "Jede rechte Politik verteidigt diese Ersatzbesitztümer, diesen Phantombesitz: Warum ist da nicht meine Familie, mein Job, mein Vaterland? Der Faschismus fängt an, wenn man sagt: Weil die da, die Woken, die Migranten, es dir weggenommen haben. Diese Diebe müssen zerstört werden."
Dass es sich hier, am Vorabend des Christopher Street Day, um eine linke, queere Solidaritätsveranstaltung handelt, und nicht um eine offene, kritische Diskussion, ist überdeutlich. Der "Klassenkampf von oben" wird genauso kritisiert wie "reiche Finanziers", die die Armen ausbeuten. Das Vokabular bleibt stereotyp, auch bei den Diskutierenden. Didier Eribon führt aus, es gebe in Frankreich keine freie Presse mehr, da alle Medienhäuser in der Hand bestimmter Verleger seien.
Interessant seine Kritik an den Deutschen: Sie schauten viel zu positiv auf den französischen Präsidenten Emmanuel Macron, der doch nur die Reichen reicher und die Armen ärmer gemacht habe. "Macron ist der Steigbügelhalter der Rechten Marine Le Pen", sagt er. Und auch: "Der Neoliberalismus hat den Faschismus vorbereitet." Letzteres ist allerdings ein altbekannter Gedanke.
Eine Fanveranstaltung, keine kritische Diskussion
Es bleibt eine Fanveranstaltung, vor allem für Eribon und Louis, deren einzelne Redebeiträge kaum unter 15 Minuten bleiben. Ein Statement folgt also aufs andere, ein Gespräch unter den Gästen auf dem Podium regt die Moderatorin Amina Aziz nicht an. Hin und wieder kommt jedoch zumindest ein nicht ganz so erwartbarer Gedanke zum Zug.
Etwa beim Thema Identitätspolitik. Eribon hält nichts von ihr, da es ohnehin nie um Identität gehe, sondern um Rechte. Louis findet die Frage, wer für wen eintreten könne, hoch komplex. Würde seine Mutter für die Arbeiterklasse sprechen, dann wäre sie voll des Lobes für Marine Le Pen und deren "Eier". Stereotype Männlichkeit nennt Louis "den Reichtum der Armen". Den Begriff "schwul" zieht er der Bezeichnung "queer" vor, da bei "Queerness" vieles verwässert würde – plötzlich stehe nicht mehr der Körper und die Sexualität im Zentrum, sondern "Kapitalismus und Rassismus".
"Mein Bruder war ein Monster – trotzdem kämpfe ich für seine Rechte"
Überhaupt spricht Louis präziser und differenzierter als sein älterer Kollege. Man habe ihm, so Louis, lange vorgeworfen, die Arbeiterklasse mit seiner Kritik an ihr zu verraten. Doch es werde ja nicht nur für diejenigen gekämpft, die man auf der moralisch richtigen Seite verorte – genau das sei der Beginn des linken Gedanken: "Mein Bruder war ein Monster und trotzdem kämpfe ich auch für seine Rechte. Wenn wir das nämlich nicht machen, dann kämpfen wir auch nicht für Frauen, die nicht links sind. Dann kämpfen wir auch nicht für Schwule, die nicht links sind. Aber es muss für alle gekämpft werden."
Wie kann er nun also aussehen, der queere Widerstand gegen Rechtsextremismus? Was können Strategien gegen rechtsextreme Parteien sein? Didier Eribon pocht darauf, den Menschen, die sich abgehängt fühlen, ihre Infrastrukturen zurückzugeben: ihre Postämter, Krankenhäuser, Schulen. Und darauf, Allianzen zu schmieden – die, die gegen Rassismus kämpfen, sollten sich etwa mit jenen zusammentun, die sich gegen den Klimawandel einsetzen.
"Nicht alle, die so aussehen, wählen AfD"
Schön dann Eva von Redeckers Abschluss-Aufforderung an die queere Berliner Bubble, als sie für den 8. August zum "Dyke-Marsch" nach Sachsen-Anhalt einlädt: "Denkt nicht, dass alle Leute, die aus eurer Sicht aussehen, als würden sie AfD wählen, das auch tun. Der Typ mit dem Stiernacken kann auch unser Feuerwehrmann sein, der in der Windkraftfirma arbeitet, weiblichen Führungsanspruch und queere Kamerad:innen unterstützt. Es gibt da auch Projektionen, die Koalitionsbildungen verhindern. Man darf nicht so tun, als gebe es keine grassierenden Probleme in den Unterschichten, aber man darf eben auch nicht den umgekehrten Fehler machen und sagen: Bei den anderen, die so primitiv aussehen, da kannst du nicht queer sein."
Sendung: Radioeins vom rbb, 24.07.2026, 7:55 Uhr
Audio: Radioeins vom rbb, 24.07.2026, Barbara Behrendt
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