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Urlauber vermüllen Tokio: Mit dieser Taktik bleibt die Stadt trotzdem sauber

Дата публикации: 12-08-2026 14:24:55

Tokio ist ein Hotspot für Touristen. Doch ihr Müllverhalten regt die Bewohner massiv auf. Jetzt nehmen sie die Sache selbst in die Hand.

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Mit dem Mangel an Sauberkeit in ihrer Stadt scheinen die Leute in Berlin ziemlich unzufrieden zu sein: Eine Umfrage hat ergeben, dass sich sechs von zehn Leuten höhere Bußgelder gegen Müllverursacher wünschen, die Hälfte außerdem mehr Kontrollen durch das Ordnungsamt. Die S-Bahn in der deutschen Hauptstadt startete zuletzt ein Sofortprogramm mit Reinigungsstreifen. Und die regierende CDU kam auf die Idee, Sozialhilfeempfänger könnten doch mal putzen. Ein Aufschrei war vorprogrammiert.

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9000 Kilometer östlich von Berlin, in der Hauptstadt von Japan, kennt man diese Probleme. Seit Jahren erlebt Tokio einen historischen Touristenboom, der sich nicht nur anhand der zunehmenden Zahl ausländisch aussehender Gesichter zeigt, sondern auch durch Müll. Wer etwa die berühmte Straßenkreuzung Shibuya Scramble besucht, die minütlich teils von mehr als 1000 Personen überquert wird, sieht heute deutlich mehr Abfall herumliegen als früher. Und die Menschen vor Ort? Die sind gereizt.

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„Wir mussten uns etwas einfallen lassen“, sagt Hironori Nakao im Bezirksamt von Shibuya, wenige Gehminuten von der wuseligen Straßenkreuzung entfernt, kurz nachdem er seine Visitenkarte überreicht hat mit dem Slogan „You make Shibuya“. Der Name ist Programm, erklärt der Stadtbeamte: „Seit Ende der Corona-Pandemie der Tourismus zu boomen begann, sahen wir nicht nur immer mehr Müll , sondern hörten auch von den Anwohnern, dass der Mangel an Sauberkeit zum Problem wurde.“

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Die Bezirksregierung von Shibuya verfolgte einen Plan, der Ähnlichkeiten mit der Idee der Berliner CDU hat, die Menschen einzubinden – und doch viel weniger tollpatschig daherkommt. „Wir haben aktuell mindestens 8000 Personen, die uns freiwillig helfen, die Stadt sauber zu halten.“ Es gebe sogar weitere Initiativen, die unabhängig vom Bezirksamt den öffentlichen Raum putzen, sodass die wahre Zahl helfender Hände viel größer sei. Aber wie gelingt in Tokio etwas, das in Deutschland offenbar schwierig ist?

„Die Stadt macht es uns wirklich leicht, uns zu engagieren“, sagt Erika Hata. Die 30-jährige Tokioterin ist eine jener Anwohnerinnen, die freiwillig anpacken. Die Amtsstelle von Hironori Nakao hat an mehreren Orten im Bezirk Schließschränke aufgestellt, die mit Kneifzangen, Handschuhen und Müllsäcken ausgestattet sind. Dort bedient sich Erika Hata, ehe sie sich mit Kollegen des Stadtplanungsbüros Shibuya Mirai Design, für das sie arbeitet, und einigen Klienten mehrmals im Monat zu Putzaktionen trifft.

Putzkolonnen in Tokio

„Wer Müll herumliegen lässt, muss Strafe zahlen“, so die Botschaft auf dem Schild, das Hironori Nakao in der Hand hält. Der Beamte des Bezirksamts Shibuya in Tokio organisiert Putzkolonnen, die die Stadt sauber halten. © Felix Lill | Felix Lill

Japans Müllwunder: Das ist die Motivation des Putzteams

„Wir machen das meistens morgens zwischen 8 und 9 Uhr, mit 20 bis 30 Leuten“, sagt Erika Hata. Und warum, wenn sie doch niemand zwingt? „Wir wollen doch alle, dass es an unserem Ort schön ist!“ Außerdem: „Es gibt mir sogar eine Art von Befriedigung. Man schafft etwas, man sieht das Ergebnis.“

Das sieht man tatsächlich. Wer am Abend durch Shibuya zieht, wo sich hinter der wuseligen Straßenkreuzung die Shoppingzentren, Restaurants, Bars und Nachtklubs übereinanderstapeln, sieht umso mehr ausgekippte Bierdosen und weggeworfene Fast-Food-Verpackungen, je später es wird. Gegen halb eins Uhr nachts, wenn die letzte Bahn fährt, wird aus losgelöster Stimmung plötzlich Hektik, viele Menschen rennen zum Bahnhof. Danach wird Tokios quirliges Shibuya immer stiller. Bis es schläft.

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Junger Mann macht aus dem Müllsammeln ein Happening

Aber so ganz schläft es nie. Auch wegen Leuten wie Kinori Kaneko, im Viertel besser bekannt unter seinem Künstlernamen Barenta. Der 45-Jährige ist in Shibuya sozusagen ein bunter Hund – sprichwörtlich, denn aus seinen Putzaktionen am späten Abend macht er ein Happening. Er trägt einen Hut mit Blumengesteck, eine Tiermaske, einen ausladenden Mantel. Warum er putzen geht? „Vor ein paar Jahren hatte ich Zeit, suchte nach einem nützlichen Hobby. Dann hörte ich, dass der Bezirk Shibuya Putzvolunteers suchte.“

Barenta, der selbst gar nicht in Shibuya wohnt, sondern in einem anderen Viertel, zieht heute regelmäßig in die Partygegend, wenn dort der Alkoholpegel der Anwesenden am höchsten ist. „Ich bemerke dann immer wieder, dass die Menschen mich wahrnehmen. Einige wollen Selfies mit mir. Anderen ist es peinlich, dass sie gerade eine Bierdose auf den Boden gestellt haben.“ Barenta ist sich sicher: Wenn er auffällig putzt, während in Shibuya gerade noch gefeiert wird, hat er auf die Anwesenden eine disziplinierende Wirkung.

Putzkolonnen in Tokio

Voll ausgestattet mit Kostüm und Kneifzangen: Kinori Kaneko beteiligt sich freiwillig an Putzaktionen in Tokio.© Felix Lill | Felix Lill

In Japan lernen schon Kinder in der Schule gemeinsam Putzen

Die große Bedeutung von Sauberkeit ist teilweise auch eine japanische Besonderheit. Wer einen Schrein der Urreligion Shinto betritt, wäscht sich am Eingangstor die Hände. Das Wort „kirei“ bedeutet gleichzeitig „sauber“ und „schön“. Kinder lernen schon in der Schule das gemeinsame Putzen, auch auf Toiletten. Kaum durch Zufall entstand in diesem Land vor einigen Jahren der Sport „Spogomi“ – das Müllsammeln um die Wette. Putzen ist hier also eine Art Volkssport, einer, zu dem man die Leute ermuntern kann.

Ist Putzen nicht oft anstrengend? „Das Nervigste sind Bier- und andere Getränkedosen“, sagt Erika Hata. „Die sind schwer, und man muss sie erst ausschütten.“ Barenta stört etwas anderes viel mehr. „In letzter Zeit stoße ich öfter auf benutzte Windeln. Keine Ahnung, wer auf die Idee kommt, so was könne man draußen liegen lassen …“ Vermutlich sind es Touristen, die nicht wissen, wohin damit. Tatsächlich mangelt es in Tokio an Mülleimern. „Wir errichten gerade überall neue“, so Hironori Nakao. Auch gelten seit Kurzem Strafen von 2000 Yen (rund 11 Euro) für ordnungswidriges Müllwegwerfen.

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Am Morgen ist das geschäftige Shibuya sauber, als wäre am Vorabend gar nicht gefeiert worden. „Das hält immer nur kurz“, sagt Barenta und lacht. Aber eine weitere schöne Seite am regelmäßigen Putzen sei: „Wer für Ordnung sorgt, kann es sich auch eher erlauben, selbst feiern zu gehen.“ Zu denen, die Abfall verursachen, gehören schließlich nicht nur Ausländerinnen und Ausländer, sondern auch Japaner. Wobei nicht wenige von ihnen den Dreck auch wieder wegkehren. An Putzfreiwilligen, so Hironori Nakao, mangele es nicht.

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