Für Rave-The-Planet-Gründer Dr. Motte ist die Berliner Politik auf dem Irrweg. Ein Gespräch über die Kommerzialisierung seiner Parade, fehlende Rückendeckung etablierter Clubs und den Anschlag auf den CSD.
Dr. Motte, die fünfte Ausgabe von Rave The Planet startet am Sonnabend unter dem Motto „Imagine Love“. Was heißt das?
„Imagine Love“, sich Liebe vorzustellen, ist extrem wichtig, weil unsere Gedanken zu Worten werden. Wir müssen entscheiden, welche Worte wir sprechen, denn sie haben eine Wirkung auf uns und auf alle anderen, die diese Worte hören.
Ich finde, das Allerwichtigste ist, dass wir hier als Gemeinschaft und als große Familie der Menschheit auf diesem Planeten leben – in Berlin, in Deutschland, in Europa und überall. Das ist auch das, was die Mehrheit der Menschen eigentlich möchte: anerkannt, verstanden und geliebt zu werden.
Wie entstehen die Mottos der Paraden?
Wir setzen uns sehr rechtzeitig zusammen und machen uns Gedanken: Wie soll es weitergehen? Wie soll das nächste Jahr heißen? Wie können wir das formulieren? Das Ganze ist vom Spirit der Technokultur geleitet. Wir hatten mit „Peace on Earth“ oder „We Are One Family“ schon gute Mottos. Vielleicht können wir das manchmal nicht mehr so ausdrücken, aber eigentlich steckt es in unseren Herzen – auch in der Technokultur –, dass wir das Grundgesetz und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte leben und tanzen.
Wann haben Sie, als Mitbegründer der Loveparade, festgestellt, dass der Rave politisch ist?
Zunächst wollten wir das gar nicht. Wir wollten eigentlich nur etwas für uns tun. Wir hatten plötzlich eine neue Musik entdeckt, elektronische Musik, die es so vorher noch nicht gegeben hatte. Dann kam der Mauerfall, plötzlich gab es Freiräume. All das hat dazu beigetragen, dass aus Techno eine Kultur wurde.

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Irgendwann kam die Idee: Lass uns doch einfach mit ein paar kleinen Wagen, einer Lautsprecheranlage, Musik und ein paar DJs auf dem Ku’damm bis zum Adenauerplatz und zurück zum Wittenbergplatz fahren und einfach mal eine Versammlung machen, die sich bewegt. So ist die Loveparade entstanden.
Trotzdem haben Sie die Veranstaltung von Beginn an als politisch und als Demonstration gelabelt.
Eine Versammlung muss nun mal als Demonstration angemeldet werden. Eigentlich wollten wir nur etwas tun, was sowieso im Grundgesetz steht. Nämlich, dass sich jeder Mensch unter freiem Himmel friedlich versammeln kann. Dort steht nicht, dass das politisch sein muss.
Wenn man eine Demonstration anmeldet, muss man erklären, warum man sich versammelt. Wir haben damals gesagt: Wir machen das unter dem Motto „Friede, Freude, Eierkuchen“. „Friede“ stand für Abrüstung auf allen Ebenen, „Freude“ für unsere Kommunikation – die Musik. Jeder versteht sie, man braucht dafür keine Worte.
Die Loveparade ist irgendwann unter anderem daran gescheitert, dass sie immer kommerzieller wurde und nicht mehr als Demonstration zugelassen wurde. Rave The Planet wird ebenfalls von Jahr zu Jahr größer. Wie verhindern Sie, dass sich die Geschichte wiederholt?
Jeder Einzelne kann dazu beitragen, dass es nicht kommerziell wird, und sehr, sehr viele Freiwillige tun das bereits. Als ehrenamtlicher Geschäftsführer von Rave The Planet bin ich einer davon.
Wir haben die gemeinnützige GmbH nicht zufällig gegründet. Alle Gewinne, die wir beispielsweise durch den Verkauf von Merchandise oder Getränken erzielen, tragen dazu bei, dass wir unsere gemeinnützigen Projekte umsetzen können.
Wir wollen nicht „größer, schneller, weiter, lauter“. Wir wollen eine gute Technoparade – und die nennen wir jetzt nicht mehr Loveparade, sondern Rave The Planet im Spirit der Loveparade. Wir wollen zeigen: Wir sind noch da und wir haben Forderungen.
Wir bauen Hochhäuser für Gewerbe, aber für Kultur ist kein Geld da? Das verstehe ich nicht.
Dr. Motte, DJ
Rave The Planet ist stark aus dem Geist der Berliner Club- und Technokultur heraus entstanden. Gleichzeitig sind relativ wenige der großen Berliner Clubs unmittelbar beteiligt. Woran liegt das?
Wir demonstrieren für die Haltung der Clubkultur, weil sie ein Schlüsselelement für alles ist, was daraus entsteht. Inklusive Großveranstaltungen wie dem Karneval der Kulturen, dem CSD oder eben Rave The Planet. Diese Veranstaltungen sind Magnete für viele Menschen, die von überall nach Berlin kommen und sich darüber freuen, dass es hier eine so große kulturelle Diversität gibt.
Früher, gerade in den 90er-Jahren, gab es in Berlin preiswerte Mieten, eine entsprechende Infrastruktur und bezahlbare Lebenshaltungskosten. Das waren Punkte, bei denen man sagen konnte: In dieser Stadt möchte ich leben. Das hat sich alles verändert. Heute wird diesen Schlüsselelementen, den Clubs, keine Perspektive gegeben, und das ist ein Problem. Warum sollten Menschen noch nach Berlin wollen, wenn es keine Kultur mehr gibt?
Was ist die Lösung?
Es gibt eine aktuelle Studie, die sagt: Wenn Berlin einen Euro in Kulturförderung investiert, kommen mindestens 3,50 Euro wieder zurück in die Stadt. Das ist ein Investment. Man müsste sagen: Wir tun das, damit dieses Schlüsselelement weiter existieren kann. Daraus entstehen weitere Effekte, weil mehr Menschen nach Berlin kommen und Umsätze im Einzelhandel, in der Gastronomie, Hotellerie und so weiter entstehen.
Wenn man eine gewisse Weitsicht in der Politik hätte, würde man sagen: Wir tun alles dafür, dass das erhalten bleibt. Dann würde man auch eine Autobahn 100 nicht bauen, weil davon ebenfalls viele Kulturstätten, etwa die Clubs about blank oder Club Ost, betroffen sind und das im jetzigen Zustand der Ökonomie und Ökologie eigentlich unsinnig ist. Außerdem frage ich mich, warum es in Berlin keinen Prozentanteil für Kultur bei Neubauten gibt. Wir bauen Hochhäuser für Gewerbe, aber für Kultur ist kein Geld da? Das verstehe ich nicht.
Das sind nachvollziehbare Fragen. Deswegen noch einmal: Warum stehen da bekannte Berliner Institutionen wie etwa das Berghain, das RSO oder das Kater Blau und selbst der Lobbyverein „Clubcommission“ nicht hinter Ihnen?
Wir sind für alle offen und natürlich finden Gespräche statt. Es muss aber auch jeder selbst entscheiden, inwiefern man Lobbyarbeit in dieser Stadt macht und ob man das alles gemeinsam hinbekommt oder jeder für sich. Und Clubs wie der Weiße Hase, Club Ost, das Kollektiv Human Colours und Microglobe sind auch dabei.
Ich bin eigentlich jemand, der sagt: Lasst uns gemeinsam Wege finden, denn am Ende geht es darum, dass wir alle weiterhin eine vielfältige, diverse und umfassend gute Clubkultur haben, die eine Perspektive hat. Entsprechend muss man auch politische Parteien wählen, die das unterstützen. Die sehe ich im Moment überhaupt nicht.
Sie waren am Sonntag nach dem CSD-Anschlag am Brandenburger Tor. Wie haben Sie die Situation wahrgenommen?Meine erste Reaktion war Betroffenheit, weil ich ein Mensch bin. Wenn ein Mensch Menschen tötet, macht mich das sehr, sehr traurig. Und ich verstehe es nicht. Für mich ist es unlogisch, dass Menschen Menschen töten. Deshalb lehne ich jede Form von Gewalt ab.
Für mich war es ganz wichtig, Solidarität mit allen Menschen zu zeigen – ganz egal, wer sie sind. Ich mache keinen Unterschied zwischen Religion, Hautfarbe, Politik oder Herkunft.
Was sagen Sie Menschen, die eigentlich gerne zu Rave The Planet kommen würden, aber nach dem Anschlag Angst haben?
Wenn du Angst hast, dann komm nicht. Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Wenn es sich nicht gut anfühlt, sollte man zu Hause bleiben.
Sie wollen also einen möglichst offenen Raum schaffen. Gleichzeitig gibt es klare Grenzen dafür, was auf den Wagen gezeigt werden darf. Warum sind beispielsweise Nationalflaggen ausgeschlossen?
Das ist ausgeschlossen, weil es nicht um Konflikte gehen soll. Wir müssen nicht erzählen, wo wir geboren wurden, aus welchem Land wir kommen oder wer gerade vielleicht nicht freundlich miteinander umgeht. Wir wollen zusammenkommen.
Wir sind alle Menschen auf diesem Planeten, eine große Familie. An diesem Tag ist es einfach nicht wichtig, sich zu kennzeichnen oder irgendetwas zuzuordnen. Wir kommen zusammen, in Frieden und in Liebe, und genießen eine schöne Zeit.
Gerade angesichts der aktuellen Weltlage ist das eine bemerkenswerte Vorgabe für eine politische Demonstration. Warum sollen die Konflikte, die Menschen beschäftigen, ausgerechnet dort nicht sichtbar werden?
Weil Nationalflaggen immer das Potenzial bieten, dass es an dieser Stelle zu Auseinandersetzungen kommt. Und genau das wollen wir nicht. Wir demonstrieren ja nicht gegen etwas – mit einer Ausnahme vielleicht: gegen die A100.
Wir demonstrieren für unsere Forderungen und wollen an diesem Tag die Konflikte, die momentan leider einen sehr hohen Stellenwert haben, nicht thematisieren. Sie sind ja nicht nur Gegenstand der Berichterstattung, sondern Realität. Wir wollen uns stattdessen auf die gemeinsamen Werte konzentrieren.
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