Die Schwesterfirma von Google kommt in die Schweiz. Laut einem Risikoforscher verursachen ihre selbstfahrenden Taxis 90 Prozent weniger Unfälle als der Mensch. Doch er sieht andere Probleme.
Die Schwesterfirma von Google kommt in die Schweiz. Laut einem Risikoforscher verursachen ihre selbstfahrenden Taxis 90 Prozent weniger Unfälle als der Mensch. Doch er sieht andere Probleme.

Eric Thayer / Getty
Ein weisses Auto steht auf einer überfluteten Kreuzung in einer riesigen, braunen Wasserlache. Nichts geht mehr. Nur ab und zu springen die Scheibenwischer an und versuchen, das Wasser wegzuwischen, das Sturmböen auf das Fahrzeug prasseln lassen.
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Das Video, das Ende Mai 2026 im Internet viral ging, zeigt ein selbstfahrendes Taxi der Google-Schwesterfirma Waymo. Es ist auf einer Leerfahrt in der amerikanischen Metropole Atlanta irrtümlich in die Überflutung geraten und dort manövrierunfähig steckengeblieben. Passagiere kamen bei dem Vorfall nicht zu Schaden. Trotzdem stoppt Waymo das Angebot in sechs der elf amerikanischen Städte, in denen das Unternehmen aktiv ist, um ein Software-Update einzuspielen.
Es ist längst nicht der einzige heikle Vorfall. Der Nachrichtensender CNN dokumentierte kürzlich über hundert Vorkommnisse, bei denen selbstfahrende Waymo-Autos etwa Rotlichter oder Strassensperrungen missachteten.
Offenbaren diese Pannen, dass der Traum von der fahrerlosen Zukunft an den Tücken der realen Welt scheitert? Diese Frage stellt sich nicht nur in den USA und in China, wo Taxis ohne Chauffeur vielerorts bereits zum Stadtbild gehören. Sondern jetzt auch in der Schweiz.
Viel sicherer als der MenschLaut Recherchen der «NZZ am Sonntag» hat der Robotaxi-Anbieter Waymo eine Niederlassung in Zürich gegründet. Gemäss dem Handelsregister-Eintrag will das Unternehmen Taxidienstleistungen mit autonomen Fahrzeugen anbieten. Bereits im Juni hatte die Tochter des Alphabet-Konzerns, zu dem auch Google gehört, Tochterfirmen in Deutschland und anderen europäischen Ländern eintragen lassen.
Die Antwort auf die Frage, wie sicher die Roboterautos von Waymo wirklich sind, liefert der Risikoforscher Luigi Di Lillo. Der Experte, der heute an den Eliteuniversitäten Stanford und Harvard forscht, hat die Schadensdaten von Waymo in seiner Zeit als Topmanager beim Rückversicherungsriesen Swiss Re wissenschaftlich durchleuchtet.

PD
Swiss Re hatte 2022 eine wissenschaftliche Zusammenarbeit mit Waymo beschlossen. 2024 veröffentlichte Di Lillo dann eine aufsehenerregende Forschungsarbeit, die auf den Daten von 25 Millionen fahrerlos zurückgelegten Meilen von Waymo basierte. Das Resultat: Innerhalb ihrer fest definierten Einsatzgebiete in mehreren amerikanischen Grossstädten sind die Robotaxis von Waymo deutlich sicherer unterwegs als menschliche Fahrer.
Die autonomen Fahrzeuge von Waymo senkten die Häufigkeit von Sachschäden um 88 Prozent, bei den weitaus gravierenderen Personenschäden betrug das Minus gar 92 Prozent. Kam es bei den Waymo-Autos überhaupt zu Sachschäden, wurden diese grösstenteils nicht von Fehlern in der Software verursacht. Sondern beispielsweise von unachtsamen Fahrgästen, die beim Öffnen der Türe ein anderes Auto touchierten.
«In Sachen Sicherheit ist die Leistung der Waymo-Autos beeindruckend», sagt der Risikoforscher darum. Das hätten auch weitere, seither publizierte Arbeiten bestätigt.
Neuartiger AnsatzFür seine Untersuchung wählte Di Lillo einen neuartigen methodischen Ansatz. Bisher hatte sich die Branche bei Sicherheitsnachweisen meist auf Polizeiberichte oder auf eigene Unternehmensdaten gestützt. Beide Grundlagen sind jedoch problematisch. Die Polizei wird im Alltag längst nicht bei jedem Bagatellunfall gerufen. Und manche Tech-Konzerne neigen dazu, Unfalldefinitionen zu ihren Gunsten auszulegen. Andere wie Tesla legen die zugrunde liegenden Daten im Gegensatz zu Waymo nicht offen.
Di Lillo setzte darum auf das Datenmaterial der Versicherungswirtschaft. Dieses ist weitaus präziser. Eine Versicherung erfährt von fast jedem Kratzer, weil die Versicherten Schadensberichte einreichen, um Geld zu fordern. Für diese Schadensmeldungen gelten überall dieselben festen Regeln. Zudem liefern sie verlässliche Anhaltspunkte für die Klärung der Schuldfrage.
Die Resultate von Di Lillos Analyse gelten allerdings nur für die Technologie von Waymo und können nicht einfach auf Konkurrenten übertragen werden, wie der Forscher betont.
Offen bleibt damit, wie sicher Waymo-Konkurrenten unterwegs sind, die ebenfalls in der Schweiz ans Werk gehen wollen: Der Fahrtenvermittler Uber will zusammen mit dem chinesischen Tech-Konzern WeRide noch in diesem Jahr einen Robotaxi-Dienst im Raum Zürich einführen. WeRide sammelt bereits Testerfahrungen im Zürcher Furttal, während der chinesische Riese Baidu seine Technologie im St. Galler Rheintal erprobt.
Waymo gilt als führendDie Robotaxi-Technologie von Waymo gilt zwar als weltweit führend. Doch wenn ein Sturm das ganze System des Marktleaders stilllegen kann oder die Waymo-Autos Rotlichter missachten: Ist das Unternehmen dann wirklich so gut, wie die fast makellose Statistik vermuten lässt?
Di Lillo entgegnet, diese Vorfälle seien extrem selten. Beim Unwetter in Atlanta habe die Sturzflut die Strasse so schnell überschwemmt, dass das System die Gefahrenlage nicht korrekt habe erfassen können. Ein Update hat das Problem inzwischen behoben. Die fahrerlosen Autos würden aus solchen Vorfällen kontinuierlich lernen. Dabei gilt: «Je mehr sie fahren, desto besser werden sie.»
Ein Punkt ist für Di Lillo darum bereits heute klar: «In ihren Einsatzgebieten werden die Waymo-Autos auch künftig weitaus sicherer fahren als der Mensch.» Vollautomatisierte Autos kennen beispielsweise keinen Sekundenschlaf und keine emotionalen Ausbrüche, sie trinken nie ein Glas zu viel und lassen sich nie von einem Smartphone ablenken.
Der Forscher hält es gar für möglich, dass die Unfallzahlen der selbstfahrenden Autos von Waymo noch weiter sinken. Die Software der Waymo-Autos reagiert in kritischen Momenten messbar schneller und trifft Entscheidungen in einem Tempo, das der Mensch gar nicht leisten kann, wie er erklärt.
Für Andreas Herrmann, Direktor des Instituts für Mobilität an der Universität St. Gallen, sind die Resultate von Di Lillos Studie plausibel. Schliesslich seien rund 90 Prozent aller Verkehrsunfälle auf menschliches Versagen zurückzuführen. Natürlich werde es immer Situationen geben, die für die Systeme neu seien, sagt Herrmann. Doch auch er bestätigt: Je mehr Kilometer die selbstfahrenden Autos unterwegs sind, desto mehr dieser Spezialfälle lernen sie kennen – und desto sicherer werden sie.
Thomas Sauter-Servaes, Professor für Mobilitätsforschung an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, gibt allerdings zu bedenken, dass der für Di Lillos Studie verwendete Datensatz relativ klein war. Die amerikanischen Daten lassen sich laut dem Mobilitätsexperten ausserdem nicht eins zu eins auf andere Länder übertragen. «Ein europäischer Kreisverkehr stellt völlig andere Anforderungen an die Software von Robotaxis als breite amerikanische Strassen.»
Insgesamt hält aber auch Sauter-Servaes die Resultate für plausibel. Ein System, das weder müde werde noch sich ablenken lasse, fahre sicherer als der Mensch, der seine Fähigkeiten am Steuer oft völlig überschätze.
«Gottähnliches Verhalten»Trotz der beeindruckenden Sicherheitsbilanz von Waymo ist der endgültige Durchbruch der autonomen Mobilität laut Luigi Di Lillo längst nicht garantiert. So müssen die Anbieter erst noch beweisen, dass sich Robotaxis langfristig profitabel betreiben lassen.
Es gibt aber noch eine zweite, mindestens so hohe Hürde: das grundlegende Misstrauen der Menschen gegenüber der Technologie. In einer kürzlich in Zusammenarbeit mit der Universität Harvard veröffentlichten Forschungsarbeit konnte Di Lillo nachweisen: Wenn ein selbstfahrendes Auto in einen Unfall gerät, tendieren Menschen dazu, diesem die Schuld zu geben.
Dies gilt selbst dann, wenn sich klar nachweisen lässt, dass das Robotaxi gar nicht für die Kollision verantwortlich war. Doch nach einem Crash fragen sich Menschen unwillkürlich: Hätte der Computer das Unglück nicht verhindern müssen? Damit verlangen sie von der Maschine aber etwas, das selbst das beste autonome Fahrzeug nicht leisten kann: ein «gottähnliches, absolut fehlerfreies Verhalten».
Die Realität sei eine andere: «Diese Fahrzeuge machen auch Fehler – so wie wir Menschen.» Das Entscheidende sei jedoch die um ein Vielfaches geringere Fehlerquote. «Solange die Gesellschaft emotional ungleich heftiger auf die seltenen Fehler einer künstlichen Intelligenz reagiert als auf das tägliche, verheerende Fehlverhalten abgelenkter oder betrunkener menschlicher Fahrer, bleibt der Weg für die Technologie steinig», sagt der Forscher.
Di Lillo bleibt dennoch optimistisch, weil es aus seiner Sicht auch mächtige Treiber für die Technologie gibt, die heute noch unterschätzt werden. Einer davon ist die rasante Alterung unserer Gesellschaft. Immer mehr Menschen dürfen aus medizinischen Gründen kein Auto mehr steuern. Für sie bedeuten Robotaxis den Erhalt ihrer persönlichen Freiheit. «Ich finde den Gedanken wunderbar, dass mein Grossvater einfach in ein Fahrzeug steigen und dorthin fahren kann, wo er möchte, obwohl er gar kein Auto mehr lenken darf», meint der Risikoexperte.
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