Evan Rogister leitet ab 2027 die musikalischen Geschicke der Rheinoper. Wie der künftige Generalmusikdirektor die Politiker von der Wichtigkeit eines modernen Hauses überzeugen will und was er als früherer Musikchef in Washington über Donald Trump denkt.
Evan Rogister, künftiger Generalmusikdirektor der Rheinoper.
Foto: DOR/Susanne DiesnerInterview | Düsseldorf · Evan Rogister leitet ab 2027 die musikalischen Geschicke der Rheinoper. Wie der künftige Generalmusikdirektor die Politiker von der Wichtigkeit eines modernen Hauses überzeugen will und was er als früherer Musikchef in Washington über Donald Trump denkt.
Die Deutsche Oper am Rhein hat den deutsch-amerikanischen Dirigenten Evan Rogister zum Generalmusikdirektor ab der Spielzeit 2027/28 befunden. Er wird die Position zeitgleich mit der neuen Generalintendantin Ina Karr antreten. Wir sprachen mit dem Künstler.
Vor einigen Jahren bekam ich den Anruf eines Freundes aus Schweden, und der schwärmte so von Ihnen, dass ich mir Ihren Namen gemerkt habe.
Rogister Oh, wie schön! Was war denn damals passiert?
Der Freund war Kontrabassist bei den Göteborger Symphoniker und hatte unter Ihrer Leitung Wagners „Götterdämmerung“ erlebt – und die hat ihn nachhaltig beeindruckt. Wie war das denn so: Wagner in Göteborg?
Rogister Die Produktion des „Ring des Nibelungen“ war tatsächlich ein Traum für mich. Ich durfte über vier Jahre etwas aufbauen, also jedes Jahr ein Stück, mit „Rheingold“ beginnend. Und es war eine wunderbare Zusammenarbeit mit dem Regisseur Steven Langridge, der jetzt der künstlerische Leiter beim ruhmreichen Opernfestival im englischen Glyndebourne ist.
Wie lief das damals in Göteborg ab?
Rogister Wir hatten zwei Monate Probezeit vor jedem Stück, was ich auch sehr wichtig und schön fand. Ich hatte auch das große Glück, mit dem legendären Opernstudienleiter Richard Trimborn zu arbeiten, der ja an der Deutschen Oper am Rhein begonnen hatte und später mit allen großen Dirigenten arbeitete: Böhm, Sawallisch, Karajan, Abbado, Kleiber, dann auch in München und Bayreuth. Der hat mir viel beigebracht. Ich habe jetzt alle seine Partituren bei mir daheim; in denen steht alles, was diese Maestri gemacht haben. Eine Fundgrube.
Vor wenigen Wochen hat die Landeshauptstadt Düsseldorf die Planungen für das „Opernhaus der Zukunft“ gestoppt. Wie blicken Sie auf diese Entscheidung?
Rogister Das Zusammenspiel von Musiktheater, Musikschule und Musikbibliothek unter einem Dach – diese Idee war wirklich visionär, und gerade deshalb bin ich enttäuscht, dass das Neubauprojekt gestoppt wurde. Das Ziel eines inklusiven kulturellen Zuhauses – insbesondere für die jüngeren Generationen – darf nicht geopfert werden, wie angespannt die finanzielle Lage auch sein mag. Ich freue mich darauf, Partnerschaften in der gesamten Region aufzubauen, die bemerkenswerte Geschichte der Deutschen Oper am Rhein mit ihren zwei Häusern, zwei Orchestern und ihrem großen Publikum zu erzählen sowie die Politik davon zu überzeugen, dass eine Oper von Weltrang für die Zukunft Nordrhein-Westfalens unverzichtbar ist.
Lassen Sie uns durch Ihre Biografie gehen. Woher kommen Sie?
Rogister Aus Raleigh, der Hauptstadt des US-Bundesstaats North Carolina.
Dort haben Sie auch Ihre Kindheit verbracht?
Rogister Genau. Bis 18, also sozusagen bis zum Ende der Gymnasialzeit.
Was waren Ihre Instrumente?
Rogister Posaune, ein bisschen Klavier und Gesang. Meine Großmutter war eine ausgebildete Sängerin, sie hatte in Berlin studiert. Ich bin glücklicherweise mit Schumann, Mendelssohn, Wagner und Beethoven aufgewachsen, sie war meine erste Musiklehrerin und hat mich in die deutsche Kunst und Musik eingeführt. Es passte alles zusammen.
Jetzt leben Sie in Kopenhagen und sind mit einer Dänin verheiratet. Was macht Ihre Frau beruflich?
Rogister Sie ist Diplomatin und arbeitet für das dänische Außenministerium.
Da ist Familie Rogister bestimmt viel auf Reisen.
Rogister Ja, aber es funktioniert wunderbar. Die Diplomatie und das Dirigieren sind einander sehr ähnlich. Ich habe auch politische Wissenschaft studiert, und meine Frau hat Cello gespielt.
Sie haben ein breites Repertoire, sogar etliche Opern von Janácek sind darunter.
Rogister Ich nehme den Titel Generalmusikdirektor sehr ernst, geradezu wörtlich. Man muss tatsächlich ein Generalist sein. Ich habe auch Erfahrungen mit Musikern, die auf historischen Instrumenten spielen. Mich interessieren aber auch sehr moderne Werke.
Rogister Etwa ein Meisterstück des 21. Jahrhunderts, George Benjamins „Written on Skin“. Das habe ich vor einiger Zeit in Kopenhagen dirigiert.
Mir ist bei Lesen von Kritiken eine Sache aufgefallen. Zum Beispiel hat der Kollege des Londoner „Guardian“ über Ihren „Don Giovanni“ in Glyndebourne geschrieben, den er überhaupt außerordentlich spannend fand, es sei eine ziemlich zügige Aufführung gewesen. Das hat so ähnlich auch der Göteborger Freund von Ihrer „Götterdämmerung“ gesagt. Sind Sie ein schneller Dirigent?
Rogister Tempo ist ein faszinierendes Thema – Geschwindigkeit ist dabei nur ein Aspekt. Tempo hängt eng mit der Akustik des Raumes, der Orchestrierung, der Artikulation, historischen oder modernen Instrumenten und nicht zuletzt mit der dramatischen Spannung zusammen. Ein langsames Tempo mit der richtigen inneren Spannung wirkt nie schleppend. Wenn Dirigent und Regisseur gemeinsam einen durchgehenden Spannungsbogen entfalten, vergeht selbst ein fünfstündiger Wagner-Abend wie im Flug. Aber keine Sorge: Ein zauberhaftes Adagio koste ich ebenso gern in aller Ruhe aus.
Sie haben im Jahr 2025 Washington und die dortige National Opera als Chefdirigent verlassen. Was haben Sie denn noch von den Maßnahmen des amtierenden US-Präsidenten mitbekommen?
Rogister Ich hatte schon vorher entschieden, nach Kopenhagen umzuziehen. Und ich muss sagen, es war sehr ironisch: Meine letzte Premiere war nämlich „Macbeth“, und zwar eine Woche nach der US-Präsidentschaftswahl…
… die Oper von einem irren König …
Rogister Ja. Was da jetzt passiert, ist wirklich eine Tragödie, dass die Oper aus dem Kennedy Center wegmusste und das National Symphony Orchestra eine neue Heimat suchen musste. Mich berührt das alles auch sehr persönlich. Meine Großeltern waren deutsche Juden und sind nach Amerika ausgewandert, um ein neues Leben aufzubauen. Ich empfinde es als schöne Wendung der Geschichte, dass ich jetzt eine künstlerische Heimat wieder in Deutschland finde. Das ist sehr berührend für mich. Und ich fühle mich sehr frei, hier Kunst zu machen.
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