Fünfkampf-Star Patrick Dogue hat den Bundesstützpunkt in Berlin übernommen und glaubt an einen Neustart der krisengeschüttelten Sportart. Trotz Athleten-Abgängen zu anderen Nationen sieht er den Nachwuchs auf dem richtigen Weg.
Interview Patrick Dogue über Fünfkampf-Krise "Die neue Generation kann sich überhaupt nicht mehr vorstellen, auf dem Pferd zu sitzen"
Vom Kritiker zum Bundesstützpunkt-Leiter: Patrick Dogue soll den Modernen Fünfkampf in der Hauptstadt wieder auf Kurs bringen. Im Interview spricht er über verlorene Athleten, neue Hoffnungsträger und sein kompliziertes Verhältnis zu 1860 München.
rbb|24: Sie studieren Maschinenbau an der TU Berlin, wo gerade Semesterferien sind. Haben Sie Zeit zum Chillen?
Patrick Dogue: Nee, ich habe ja auch einen kleinen Sohn, der einen immer auf Trab hält. Außerdem hatte ich gegen Ende des Semesters noch größere Hausaufgaben abzugeben und konnte deswegen keine Prüfung schreiben. Die hole ich zum Ende der Semesterferien nach und muss langsam anfangen zu lernen.
Patrick Dogue (geboren am 9. März 1992 in Ludwigshafen) trat bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio erstmals ins Rampenlicht, als er Platz sechs belegte. Auch bei den Spielen von Tokio 2021 nahm er Teil (Platz 20). 2019 gewann der Athlet vom OSC Potsdam den Weltmeistertitel in der Staffel, gemeinsam mit Alexander Nobis. Als Athletensprecher kritisierte er voriges Jahr öffentlich die Strukturen im Deutschen Verband für Modernen Fünfkampf (DVMF), dessen Führung einen Machtkampf austrug. Seit März 2026 leitet er den Bundesstützpunkt in Berlin. Sein jüngerer Bruder Marvin ist ebenfalls Fünfkämpfer.
rbb|24: Daneben leiten Sie seit März den Fünfkampf-Bundesstützpunkt in Berlin. Das war nicht unbedingt zu erwarten gewesen, nachdem Sie im vergangenen Jahr immer wieder die Zustände in der Verbandsführung kritisiert haben.
Dogue: Tendenziell hätte ich früher auch nicht geglaubt, dass ich an diesen Punkt komme. Allerdings kann man immer viel meckern, aber wenn man am Ende nicht mithilft, etwas aufzubauen, dann wird sich nie etwas ändern. Ich hätte diese Stelle nicht angenommen, hätte sich die Führung nicht geändert.
Jetzt bin ich doch sehr glücklich, dass ich hier bin. Es macht Spaß und ich bekomme das Feedback, dass die Athleten wieder lieber herkommen, dass sie wieder mehr Spaß haben, dass die Trainer wieder mehr Struktur haben, dass jeder weiß, wo seine Verantwortungsbereiche sind, dass man da einfach wieder einen geregelten Arbeitstag hat. Und das freut mich auch zu hören.
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Dass Marvin ohne Glück Fünfter wird, zeigt aber auch, was für ein hohes Niveau und Konstanz er hat.
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Patrick Dogue über die Leistung seines Bruders bei der EM
rbb|24: Bei den EM-Titelkämpfen in Istanbul, die gerade zu Ende gegangen sind, ist Ihr Bruder Marvin Dogue, der in Potsdam trainiert, im Einzel auf dem fünften Platz gelandet. Er selbst zeigte sich danach zufrieden. Sie kennen ihn besser...
Dogue: Marvin hatte eine ziemlich starke Saison, hat den Gesamt-Weltcup gewonnen. Er ist in Topform gewesen, aber beim Fünfkampf muss an einem Tag wirklich alles perfekt zusammenkommen und das funktioniert auch nicht immer. Alle sind bei 100 Prozent, da braucht man auch mal ein Quäntchen Glück für die Medaille. Dass Marvin ohne Glück Fünfter wird, zeigt aber auch, was für ein hohes Niveau und Konstanz er hat. Im Endeffekt, glaube ich, ist er da doch schon sehr zufrieden.
rbb|24: Braucht der deutsche Fünfkampf gerade zählbare Erfolge mehr denn je, um sich zu rehabilitieren und mit anderen Geschichten in die Schlagzeilen zu kommen als in den Jahren zuvor?
Dogue: Man muss sagen, dass wir sowohl in den älteren Altersklassen als auch bei den Junioren eine hohe Dropout-Quote haben: dass auch Athleten, die sehr gut waren, die Nation gewechselt haben. Wir sehen: Wir sind nicht mehr so viele, es kann schon sein, dass wir Probleme haben, die großen Erfolge mit nach Hause zu bringen.
rbb|24: Aber?
Dogue: Wir haben dieses Jahr bei der U17-Europameisterschaft und bei der U17-Weltmeisterschaft Erfolge gefeiert, wir haben den U17-Europameister dieses Jahr gestellt (der 15-jährige Lukas Thieke, Anm. d. Red.), wir haben bei der U17-Weltmeisterschaft einmal Staffel-Gold bei den Männern, einmal Staffel-Silber bei den Frauen geholt, also unser Nachwuchs ist auch international erfolgreich. Vielleicht wird es aufgrund der Altlasten der letzten Jahre nicht ganz so glorreich werden, aber wir sehen für die Zukunft den Fünfkampf wieder ganz oben mitschwimmen, mitstarten und mitsiegen in Deutschland und international.
rbb|24: Sie sprachen den Aderlass im deutschen Fünfkampf an. Ist der auch am Berliner Stützpunkt wahrzunehmen?
Dogue: Also wir haben einmal Esther Fernandez Donda verloren, die im Jahr zuvor noch deutsche Meisterin geworden ist und dann nach Spanien gewechselt ist. Außerdem Rebecca Langrehr, die nach Amerika gewechselt ist und für die USA startet. Da spürt man natürlich, dass man für eine Teammedaille drei Athletinnen braucht. Wenn unsere beiden Top-Frauen fehlen, ist das schwierig zu kompensieren. Es fehlen auch Trainingspartner vor Ort. Die Athleten vor Ort brauchen die gesunde Rivalität, um sich zu entwickeln. Da merkt man am Stützpunkt, dass manchmal die Qualität fehlt, aber ich glaube, dass wir hier im Trainerstab so aufgestellt sind, dass wir die zeitnah wieder sehr gut herstellen können.
rbb|24: Wie viele trainieren denn gerade am Bundesstützpunkt in Berlin?
Dogue: Wir fangen hier ungefähr bei der siebten Klasse an zu zählen. Bis zum Profibereich sind wir aktuell 45 Athleten.
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Ich glaube, die Attraktivität wurde durch dieses 90-Minuten-Format gesteigert: die spektakulären Sprünge, das Gehangel, das Balancieren. Das schafft eine neue Dynamik.
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Patrick Dogue über die neue Teildisziplin Parcours
rbb|24: Der Moderne Fünfkampf war hierzulande in den vergangenen Jahren immer wieder mit erbitterten Machtkämpfen und Chaos in der Führungsetage in Verbindung gebracht worden. Wie schätzen Sie die Lage im Verband aktuell ein?
Dogue: Aktuell ist es ruhig geworden im Verband. Hier auf Stützpunktebene macht jeder seinen Job, genauso wie auf Verbandsebene. Aktuell fehlt uns leider noch ein bisschen das Hauptamt, da gibt es ein paar Gerichtsverfahren, die noch laufen, einfach aufgrund der Vergangenheit. Erst wenn die abgeschlossen sind, kann das Hauptamt wieder besetzt werden (derzeit verfügt der Fünfkampfverband DVMF über keine/n Sportdirektor/in, Anm.). Und wenn das Hauptamt besetzt ist, dann gehe ich davon aus, dass da keine Probleme mehr in Zukunft entstehen können.
rbb|24: Neben dem Führungschaos gab es weitere Umwälzungen, wie die Streichung des Springreitens nach einem Skandalritt 2021 in Tokio um Annika Schleu. Ersetzt wurde die Teildisziplin durch den Hindernisparcours. Was bedeutet das für die Attraktivität der Sportart?
Dogue: Man muss unterscheiden zwischen den nostalgischen Personen, die immer ein bisschen an der Vergangenheit hängen und der neuen Generation, die sich überhaupt nicht mehr vorstellen kann, auf dem Pferd zu sitzen. Ich glaube, die Attraktivität wurde durch dieses 90-Minuten-Format gesteigert: die spektakulären Sprünge, das Gehangel, das Balancieren. Das schafft eine neue Dynamik. Ich verstehe auch die, die sagen, Fünfkampf habe eigentlich einen anderen Ursprung. Aber alle müssen sich weiterentwickeln. Dadurch, dass wir auch noch einen Attraktivitätsboost bekommen haben, würde ich sagen: Alles richtig gemacht.
rbb|24: Wie steht es eigentlich um Ihre Liebe zu einem anderen Sorgenkind des deutschen Sports: dem erneut abgestiegenen Fußballverein TSV 1860 München?
Dogue: Ich weiß gar nicht, ob ich das erzählen kann...
rbb|24: Bitte.
Dogue: Als Kind habe ich neben dem damaligen Trainer von 1860 München, Werner Lorant, gewohnt, sein Sohn war in meiner Klasse. Als Lorant rausgeflogen ist bei 1860, hieß es dann wutentbrannt: 'Meine Kinder und deren Freunde werden jetzt Bayern-Fans'. Seit gut 25 Jahren bin ich also Fan des FC Bayern. (lacht) Aber natürlich gucke ich trotzdem noch, wie es bei 1860 läuft, ich bin ohnehin sehr fußballinteressiert. Nach dem Ende meiner aktiven Fünfkampf-Karriere habe ich auch selbst wieder angefangen zu spielen, als Verteidiger bei der SG Eintracht 90 Babelsberg, 13. Liga oder so.
rbb|24: Was wünschen Sie dem Fünfkampf für die Zukunft?
Dogue: Ich wünsche dem Fünfkampf, dass er mehr im Allgemeinen betrachtet wird. Häufig geht es um die Finanzzahlen, wie viel kommt rein, wie viel geht raus und, und, und. Aber der Fünfkampf bietet so viel mehr, auch pädagogisch. Man lernt miteinander umzugehen. Der Fünfkampf fängt viele soziale Schichten auf. Ich sehe es hier in Berlin, wie viele Kinder bei uns mitmachen wollen, die Bock haben.
Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Shea Westhoff, rbb Sport.
Beim Text handelt es sich um eine gekürzte, redigierte Fassung.
Sendung: rbb|24, 11.08.2026, 15:56 Uhr
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