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„Selbst beim Rücktritt fehlt Rückgrat und Reflexion“: Tagesspiegel-Community zum Spahn-Rücktritt 

Дата публикации: 21-07-2026 06:38:45

Im Zuge der Leihmutter-Affäre musste Jens Spahn sein Amt als Unionsfraktionschef räumen. Die Tagesspiegel-Community findet: Der Rücktritt war längst überfällig.

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Jens Spahn ist am Samstag als Fraktionsvorsitzender der Union zurückgetreten. Diesem Schritt war eine intensive Debatte um Spahns Entscheidung, mithilfe von Leihmutterschaft eine Familie zu gründen, vorausgegangen. Denn nicht nur ist Leihmutterschaft in Deutschland verboten – Spahn selbst hatte sich in der Vergangenheit gegen diese ausgesprochen und die erneute Bekräftigung des Verbotes auf dem CDU-Parteitag noch im Februar mitgetragen. 

Für die Tagesspiegel-Community geht es deshalb vor allem um Doppelmoral. Während es durchaus Verständnis für Spahns Wunsch nach einem Kind – und verschiedene Perspektiven auf das Leihmutterschaftsverbot – gibt, scheint klar: Wer in Anspruch nimmt, was er anderen verwehren will, verwirkt jede politische Glaubwürdigkeit. 

Wir dokumentieren hier eine redaktionelle Auswahl der Kommentare aus unserer Community:


Marco.berlin
Und zack, sich gleich wieder zum Opfer machen. Nein, lieber Jens Spahn, der Fehler war, dass Sie noch am Jahresanfang öffentlich anderes vertreten haben, als Sie es dann selbst vorgelebt haben. Auch Sie dürfen den Wunsch nach einer Familie und Kinder haben, damit habe ich absolut kein Problem.

Ein Problem habe ich mit Politikern, die dann dazu nicht stehen wollen und in der Öffentlichkeit genau anders handeln und meinen, das eine sei halt Politik und das andere eben privat. Nein, das kann man, wenn man Ehrlichkeit und Vertrauen ausstrahlen will, eben nicht trennen. Dann hätten Sie zumindest in der Vergangenheit es genauso öffentlich formulieren müssen, dass Sie die Meinung der CDU respektieren, dass es aber als schwuler Mann, der sich auch Kinder wünscht, nicht Ihre Haltung ist und Sie sich zumindest bei allen Abstimmungen enthalten.

Wenn Sie nicht mehr weiterwissen, dann sind es nicht eigene Fehler, sondern Sie wurden nur ,missverstanden’.

Tagesspiegel-Nutzer Marco.berlin

So ist es einzig Doppelmoral und absolut unglaubwürdig. Aber so ist ja leider häufiger Ihre Art, und wenn Sie nicht mehr weiterwissen, dann sind es nicht eigene Fehler, sondern Sie wurden nur missverstanden. Selbst im Rücktritt fehlt Rückgrat und Selbstreflexion.


Anakaleaka
Die Doppelzüngigkeit von Politikern ist doch genau das, was immer mehr Menschen im Land nervt und die Distanz zu ihnen weiter verstärkt. Für mich geht es hier nicht um die Gesetzeslage, sondern darum, dass Spahn sie unterstützt, um gleichzeitig gegenteilig zu handeln. Dafür kann es nur einen Rücktritt geben.


Charybdis66
Menschen, die Meinungen und Ansichten ändern, sind ja nichts Ungewöhnliches. Ich habe auch Verständnis dafür, dass Menschen, wenn sie auf Hürden treffen, die sie nun persönlich beeinflussen, Dinge noch einmal überdenken. Für mich verwischt das bei Herrn Spahn aber nicht den Eindruck, er hätte hier eine private Entscheidung getroffen, die er als Politiker weiterhin ablehnt.

Er hätte sich damals, wenn er noch nicht ,bereit’ gewesen wäre, von der Abstimmung fernhalten können.

Tagesspiegel-Nutzerin Charybdis66

Was zur Folge hat: „Was interessieren mich von mir unterstützte Regeln, wenn sie mir im Wege stehen?“ Das hat er so natürlich nicht gesagt, doch nehme ich diese Botschaft wahr. Was mich darüber hinaus in hohem Maße abstößt, ist, dass er noch im Februar alles gegen die Leihmutterschaft unterstützte. Also zu einem Zeitpunkt, als die Leihmutter längst das Kind austrug. Und er längst das Gegenteil von dem getan hatte, wofür er nun parteilich entschied.

Er hätte sich damals, wenn er noch nicht „bereit“ gewesen wäre, von der Abstimmung fernhalten können. Klar hätte das Fragen aufgeworfen. Aber jetzt wirft sein Verhalten viel mehr Fragen auf. Und das außerhalb der CDU. Herr Spahn hat ein Recht auf Privatleben. Ohne Frage. Aber dann sollte er sich politisch entweder für seine (neuen) Ansichten einsetzen oder nichts sagen. Jedoch A zu sagen und das Gegenteil zu tun, ist für all diejenigen ein Schlag ins Gesicht, die glauben, Herr Spahn könnte zu seinen politischen Ansichten stehen.


Carolina2
So sehr ich Jens Spahn und seinem Partner die Freude über das Kind gönne: Die einzige Lösung dieser Glaubwürdigkeits-Diskrepanz, die sich aus seinen eigenen früher vertretenen Positionen, aus der Linie der Partei und aus der Gesetzeslage ergibt, ist sein Rücktritt.

Er hätte diese Position als Fraktionschef schon aufgeben müssen, als er sich entschieden hat, die Dienste einer Leihmutter in Anspruch zu nehmen.

Tagesspiegel-Nutzerin Carolina2

Ich denke sogar, er hätte diese Position als Fraktionschef schon aufgeben müssen, als er sich entschieden hat, die Dienste einer Leihmutter in Anspruch zu nehmen. Dass Spahn selbst anscheinend hofft, Fraktionsvorsitzender bleiben zu können, zeigt m.E., dass es ihm tatsächlich nicht darum geht, seiner Partei nicht zu schaden, sondern einzig um seine eigene Karriere. Die CDU handelt klug, wenn sie ihn zum „freiwilligen“ Rücktritt drängt.


Rosi
Zusätzlich befremdlich ist die Argumentation. Es ging nicht um die Tatsache an sich und nicht den Spagat, sondern um sein Verhalten. Als führender Politiker musste er sehen, dass Privates nicht von Öffentlichem zu trennen ist.

Änderung der Meinung ist kein Vergehen. Fehlende Einsicht in diese Zusammenhänge bestätigt die Notwendigkeit des unfreiwilligen Rücktritts.

Tagesspiegel-Nutzerin Rosi

Entgegen besserem Wissen die Gegenposition bei der Abstimmung zu vertreten und nichts zur wahren Situation zu sagen, hat ihn viel gekostet. Da wäre ein souveräner Zeitpunkt gewesen, aus eigener Entscheidung die Sache zu klären. Änderung der Meinung ist kein Vergehen. Fehlende Einsicht in diese Zusammenhänge bestätigt die Notwendigkeit des unfreiwilligen Rücktritts.


Peterfriedrich
Ich finde es gut, wenn Erwachsene sich entschließen, Kinder in ihre Leben zu lassen, egal welcher sexuellen Orientierung, egal ob adoptiert oder durch künstliche Befruchtung erzeugt. Ich finde es absolut nicht akzeptabel, als Politiker aktiv gegen eine der oben genannten Varianten, Eltern zu werden, zu agieren und privat, noch dazu während der Anti-Aktion, für sich und den Partner genau den politisch verpönten Weg gewählt zu haben oder dann wählen zu wollen. Spahn musste aber nicht wegen dieses offenkundigen Widerspruchs gehen, sondern allein weil er die Parteilinie nicht gehalten hat, verbal und in der Praxis.


Bouillon01
Jens Spahn hat mit seinem Verhalten aufgezeigt, dass Reproduktionsmedizin eine Klassenfrage ist, also Bio-Politik im Foucault’schen Sinne. Während Paare, die nicht über die nötigen finanziellen Mittel verfügen, zwangsläufig kinderlos bleiben, können sich Paare mit ausreichend finanziellen Mitteln ihren Kinderwunsch auch auf ethisch fragwürdigem Wege erfüllen. Das ist Bio-Macht bzw. Bio-Machtmissbrauch in der Klassengesellschaft.


ChristianeL
Dass der Rücktritt von Spahn unvermeidbar war wegen des Widerspruchs zu den vorher selbst vertretenen Positionen, sehe ich auch so, aber dass es richtig ist, sich differenzierter mit dem Thema Leihmutterschaft auseinanderzusetzen, als es bisher in Deutschland erfolgt ist, wird dabei ebenfalls deutlich. Es geht darum, die Ausnutzung einer wirtschaftlichen Notlage bei Frauen zu verhindern und dem Anspruch von Kindern auf Kenntnis über ihre Herkunft Rechnung zu tragen. Dass es hier tragfähige Modelle geben kann, zeigen die Regelungen in anderen EU-Ländern.

Es ist zumindest nicht ganz widerspruchsfrei, wenn man einerseits z.B. Sexarbeit von Frauen und Männern als legale zu versteuernde Tätigkeit zulässt, obwohl auch hier sowohl eine wirtschaftliche Notlage als auch die selbstbestimmte Wahl einer beruflichen Tätigkeit die Motivation sein können, andererseits aber völlig unabhängig vom Hintergrund der Entscheidung eine Leihmutterschaft verbietet und damit – meines Erachtens auch reichlich paternalistisch – einer Frau vorgibt, dass sie mit dieser Entscheidung, die befruchtete Eizelle anderer Elternteile auszutragen, per se die eigene Menschenwürde verletzt.


CaliGuy
Eine Rechtslage drückt immer ein gesellschaftliches Normempfinden aus. Wenn Spahn als Spitzenpolitiker einer konservativen Partei im Ausland eine Leihmutterschaft in Anspruch nimmt und dieses publik macht, dann drückt das sehr wohl aus, dass Lebensrealität und Rechtslage nicht mehr zusammenpassen. Das ist immer der erste Schritt, um eine Rechtslage einer neuen Lebensrealität anzupassen. Von daher verdient Spahn Unterstützung und nicht die Häme und Kritik des vereinten deutschen Spießerchors.


05Matthias1961
Freiheit nur für Privilegierte? Spahns Bioethik-Debakel fordert Konsequenzen. Ein Rücktritt von Jens Spahn ist überfällig. Die Leihmutterschaft in den USA offenbart unerträgliche Doppelstandards. Wer als Fraktionschef Verbote mitgestaltet, darf diesen Weg privat im Ausland nicht mit viel Geld erkaufen.

Wer Wasser predigt und Wein trinkt, zerstört das Vertrauen in die Politik.

Tagesspiegel-Nutzer 05Matthias1961

Während die CDU erst im Februar 2026 das Verbot bekräftigte, nutzt ihr Spitzenmann liberale Praktiken im Ausland. Wer Wasser predigt und Wein trinkt, zerstört das Vertrauen in die Politik. Ein parlamentarischer Führer hat eine Vorbildfunktion. Er muss die Maßstäbe, die er gesetzlich fordert, auch privat vorleben. Spahns Festhalten am Amt schadet der politischen Kultur.


Schlaubi_Schlumpf
Dieser Schritt von Spahn ist richtig, nur leider viel zu klein, er hätte sein Bundestagsmandat niederlegen sollen. Wer als Spitzenpolitiker so wenig Verständnis, so wenig Weitsicht, so wenig Gespür hat, ist im Bundestag schlicht falsch aufgehoben.


Gyosen
Der politische Rücktritt im modernen Betrieb ist selten ein Akt der plötzlichen Läuterung; er ist vielmehr das finale, matte Winken eines Akteurs, der die Kulissen abbaut, bevor das Publikum endgültig die Geduld verliert. Dass Jens Spahn jene moralischen Bastionen, die er einst so staatstragend verteidigte, im Privaten leise umschifft, ist kein Versehen.

Es ist das kalkulierte Finale einer Karriere, die sich ökonomisch wie biografisch längst amortisiert hat.

Tagesspiegel-Nutzer Gyosen

Es ist das kalkulierte Finale einer Karriere, die sich ökonomisch wie biografisch längst amortisiert hat. Zwischen den Geistern der Masken-Affäre, der sprichwörtlichen Villa und einem satten Polster der Absicherung schwindet eben auch die Lust am täglichen Verschleiß im parlamentarischen Theater. Das plötzliche Primat des Familienglücks fungiert hier als ein ebenso rührender wie bequemer Notausgang: Man flieht vor den eigenen Widersprüchen in die Nestwärme und nennt es Charakter.

Ein Abgang ohne echte Tragik – eher die weiche Landung eines Mannes, der begriffen hat, dass man im wohlhabenden Ruhestand keine Masken mehr tragen muss.

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