Ein Anschlag mitten ins Herz der Regenbogen-Hauptstadt, Berlin erwacht in Schockstarre. Die Antwort darauf muss hart und klar sein – ebenso wie laut und bunt.
Der Kontrast könnte härter nicht sein. Ein ausgelassenes Fest: Hunderttausende Menschen feierten am Sonnabend bei schönstem Sommerwetter den Christopher Street Day in Berlin. Eine Stadt voller Regenbogenflaggen und fröhlich tanzender Menschen. Berlin zeigte der Welt mal wieder sein buntestes Gesicht: weltoffen, schillernd, freizügig, queer. Um kurz nach 22 Uhr war diese Welt eine andere.
Ein Anschlag mitten ins Herz der Regenbogen-Hauptstadt. Noch in der Nacht zu Sonntag verdichteten sich die Hinweise, dass es wohl kein Unfall war. Ein mutmaßlich islamistischer Täter raste mit einem weißen Mini-Transporter in die Menge. Eine Frau starb, 29 weitere wurden teilweise schwer verletzt.
Alles deutet auf einen bewussten Anschlag hin. Ein Anschlag auf den Ort, an dem Berlin die Freiheit feiert, wie nirgendwo sonst. Wo Menschen aus aller Welt kommen, weil sie hier genau so sein können, wie sie sind. Dafür ist Berlin bekannt, geliebt, geachtet.
Und von manchen: verachtet. Menschen, die es nicht aushalten, dass hier leicht bekleidete Frauen Hand in Hand laufen, Männer sich küssen, zu zweit, zu dritt, alles ist erlaubt. Ein Fest der Liebe in all ihren fröhlichen Facetten.
Vieles deutet darauf hin, dass der Anschlag Berlin genau hier treffen sollte. Ein Angriff auf die Freiheit der westlichen Welt, unsere Offenheit, unsere Werte, unsere Lebensweise.
Der mutmaßliche Täter, Abdul Ballout, wurde am Abend auf der Flucht in Spandau erschossen. Er war ein polizeibekannter Straftäter: Körperverletzung, Raub. Der Mann mit libanesischen Wurzeln wurde in Berlin geboren, er soll versucht haben, sich der Terrormiliz IS anzuschließen.
Gerade erst war er aus dem Jugendgefängnis entlassen worden. Er war wegen der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat zu einem Jahr und zehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden, die Staatsanwaltschaft hatte drei Jahre gefordert. Ballout kam frei, offenbar unter der Weisung, eine Deradikalisierung zu durchlaufen. Dazu sollte am Montag ein Termin stattfinden.
Mehr als 2000 gewaltorientierte Islamisten gibt es in BerlinUnd mehr noch: Mehr als 200 mobile Zufahrtssperren sicherten das Festgelände. Das Auto als Mordwaffe hat sich eingebrannt ins Gedächtnis dieser Stadt. Im Dezember jährt sich der Anschlag auf dem Breitscheidplatz zum zehnten Mal. Der Islamist Anis Amri raste damals in den Weihnachtsmarkt, 13 Menschen starben. Ein goldener Riss durchzieht heute den Platz, der nun stark verpollert wirkt wie ein hässliches Bollwerk gegen den Hass.
Und dennoch ist es wieder passiert. Trotz der intensiven Sicherheitsmaßnahmen rund um den CSD ist es nicht gelungen, alle Menschen zu schützen.
Ohnmacht. Können solche Taten nicht verhindert werden?
Die Stadt stürzt ins kollektive Entsetzen. Gepaart mit der bitteren Erkenntnis, dass es absolute Sicherheit nicht gibt. Man kann nicht die ganze Stadt verpollern. Und auch nicht jeden Gefährder beobachten. Der Verfassungsschutzbericht 2025 geht allein in Berlin von knapp 2000 gewaltorientierten Islamisten aus, mindestens weitere 500 werden der islamistischen Szene zugeordnet. Die Polizei hat nicht mal ansatzweise die Ressourcen, sie alle zu überwachen.
Die Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt, dieses Landes, brauchen ein deutliches Signal: So geht es nicht weiter. Wir dulden keine gewaltbereiten Islamisten in unserem Land. Die Hoheit über diese Debatte darf nicht den politischen Rändern überlassen werden.
Anke Myrrhe
Die ganze Nacht dröhnten die Sirenen durch die Stadt, Hubschrauber kreisten noch am Sonntag, um den Tatverdächtigen zu finden. Wie konnte er entkommen? Hat er wirklich allein gehandelt?
Am Morgen danach erwachen viele mit einem Gefühl der hilflosen Angst. Vor dem Verlust unserer Freiheit, der Unbeschwertheit unseres Lebens und auch vor dem, was radikale politische Kräfte daraus machen werden.
Anfang September wird gewählt in Sachsen-Anhalt, zwei Wochen später in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern. Die Antwort der politischen Mitte muss ebenso hart sein wie konsequent. Die Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt, dieses Landes, brauchen ein deutliches Signal: So geht es nicht weiter. Wir dulden keine gewaltbereiten Islamisten in unserem Land. Die Hoheit über diese Debatte darf nicht den politischen Rändern überlassen werden.
Und gleichzeitig muss Berlin jetzt aufstehen. Jetzt erst recht. So bunt wie möglich, so laut wie möglich. Die Angst darf niemals über die Freiheit siegen.
Auch am Ende dieses CSD-Wochenendes kann die Botschaft nur sein: Liebe ist stärker als Hass.