Deutschlands schnellstem Sprinter droht eine jahrelange Sperre – obwohl kein positiver Dopingtest vorliegt. Der Fall des Leichtathleten zeigt, wie kompromisslos das Anti-Doping-Regelwerk ist.
Der Kampf gegen Doping im Spitzensport wird nach der Devise „im Zweifel gegen den Angeklagten“ geführt. Das muss gerade Deutschlands schnellster Mann Owen Ansah erfahren. Der Leichtathlet soll vor ein paar Wochen eine Dopingprobe verweigert haben, nun fordert die Nationale Doping-Agentur Nada eine Sperre von vier Jahren.
Der Fall Ansah ist allerdings speziell. Die Version des Sportlers geht so: Er war kurzfristig als Nachrücker in das Starterfeld der Diamond League in Monaco gerutscht. Packen, noch einmal schnell aufs Klo – danach wollte sich Ansah auf den Weg zum Flughafen machen. Das Schicksal hatte andere Pläne: Es klingelte an der Tür, ein Dopingkontrolleur stand draußen für einen Test des Sportlers.
Ansah konnte nicht, weil er eben auf der Toilette war, und wollte nicht warten, weil er zum Flughafen musste. Nach Ansahs Darstellung lehnte der Kontrolleur den Vorschlag ab, den Sprinter zu begleiten und die Probe unmittelbar vor dessen Abflug zu entnehmen. Im Ergebnis steht für die Nada ein verweigerter Dopingtest, der den Richtlinien zufolge eine vierjährige Sperre nach sich ziehen kann.
Dumm gelaufen für Ansah, dessen Beweggründe nachvollziehbar erscheinen, der auf der anderen Seite aber hätte wissen müssen, was ihm droht, wenn er den Kontrolleur einfach stehen lässt.
Sollte Ansah tatsächlich gedopt und die Kontrolle deshalb bewusst vereitelt haben, wäre er unglaublich gerissen vorgegangen.
Jörg Leopold
Zu oft schon haben Athleten hanebüchene Geschichten erfunden, um sich einem Test zu entziehen. Ansahs Darstellung allerdings wirkt plausibel, der frühere Zehnkämpfer Frank Busemann verweist bei sportschau.de in diesem Zusammenhang auf den „gesunden Menschenverstand“.
Zusätzliche Plausibilität erhält Ansahs Darstellung durch zwei spätere Kontrollen: Nach seiner Aussage wurde er am Wettkampftag in Monaco von der Welt-Antidoping-Agentur Wada getestet, am darauffolgenden Montag von der Nada. Beide Proben fielen negativ aus.
Sollte Ansah also tatsächlich gedopt und die Kontrolle deshalb bewusst vereitelt haben, wäre er unglaublich gerissen vorgegangen. Dann hätte er ein Mittel verwenden müssen, das bei der Wada-Kontrolle in Monaco und beim Nada-Test wenige Tage später nicht nachweisbar war oder das die Kontrolleure womöglich noch gar nicht kannten.
Und trotzdem dürfte er diese Nummer nicht unbeschadet überstehen. Dopingexperte Fritz Sörgel sagte der dpa: „Dass er ohne Strafe aus dem Verfahren rausgeht, halte ich für ausgeschlossen.“ Ansahs Anwalt hat bereits angekündigt, den Vorschlag nicht zu akzeptieren. Damit dürfte es zum Disziplinarverfahren vor dem Deutschen Sportschiedsgericht kommen.
Allerdings steht er vor einer schwierigen Aufgabe. Der Deutsche Leichtathletik-Verband geht bereits auf Nummer sicher und will Ansah bei den anstehenden Europameisterschaften in Birmingham nicht in der Staffel einsetzen, um eine mögliche Medaille nicht im Nachhinein wieder zu verlieren.
Ansah selbst gibt sich kämpferisch, er startet bei der EM über 100 und 200 Meter. Dass er auch unter Druck leistungsfähig ist, zeigte er zuletzt bereits bei den deutschen Meisterschaften, als er mit starken Zeiten auf beiden Strecken die Titel gewann. Für ihn und die deutsche Leichtathletik wäre seine Sperre ein Schlag, einen derart guten Sprinter hat es hierzulande lange nicht mehr gegeben.
Das allerdings ist nur ein Nebenaspekt. Ansahs gesamte Karriere steht auf dem Spiel und die Frage, ob er Täter oder Opfer war, verlangt eine Antwort. Weil im Kampf gegen Doping im Zweifel gegen den Angeklagten entschieden wird und die Regeln nun einmal für alle gleich sein müssen. Mit all den bitteren Folgen für Owen Ansah.
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