Frédéric Chopins große Liebe war ein Mann. Das zeigt Moritz Weber im Buch „Chopins Männer“ auf. Die Musikwissenschaft tat sich lange schwer mit der Sexualität des Komponisten.
Ich gehe mich waschen, küss’ mich jetzt nicht, denn ich habe mich noch nicht gewaschen. — Du? Auch wenn ich mich mit byzantinischen Ölen einreiben würde, würdest Du mich nicht küssen, wenn ich Dich nicht auf magnetische Art dazu zwingen würde.
Das hier sind vielleicht die erotischsten Sätze der gesamten erhaltenen Korrespondenz zwischen Frédéric Chopin und seinem langjährigen Geliebten, Tytus Woyciechowski.
Weiter heißt es: „Es gibt irgendeine Kraft in der Natur. Heute wirst Du träumen, dass Du mich küsst. Ich muss es Dir für den widerwärtigen Traum heimzahlen, den Du mir heute Nacht heraufbeschwört hast.“
Die Gefühle, die Chopin gegenüber Woyciechowski formuliert, sind „exklusiv und einzigartig“, schreibt Moritz Weber. Niemandem sonst habe er je so etwas geschrieben. Unzählige Liebeserklärungen haben Frédéric und Tytus einander über die vielen Jahre ihrer Beziehung zugeschickt – sie sind auch zusammen auf Reisen gegangen und haben zeitweise miteinander gelebt.
Außerdem widmet Chopin seinem Partner mehrere Kompositionen – er lebt seine Liebe zu ihm also auch künstlerisch aus. In seinem Buch „Chopins Männer“ wirft Moritz Weber jetzt einen Blick auf dieses Zusammenspiel zwischen dem Privatleben des Komponisten und seiner Kunst: Chopin habe sein Begehren nicht nur in Worten festgehalten, schreibt Weber, sondern „vertraute diese Seite seiner Persönlichkeit auch dem Klavier an und drückte sie durch seine Musik aus“.
Den langsamen Satz seines Klavierkonzerts in f-Moll etwa schreibt Chopin „im Andenken“ an Tytus, genau wie seinen späteren Walzer in Des-Dur. Chopin habe beides extra für Woyciechowski geschrieben, die Gedanken an ihn seien die Inspiration gewesen, so Weber. Inspirationsquelle, Adressat und der Hintergrund des Mittelsatzes des f-Moll Klavierkonzerts seien ein und dieselbe Person: Tytus Woyciechowski.
Chopin: 2. Klavierkonzert ∙ hr-Sinfonieorchester ∙ Yoav Levanon ∙ Alain Altinoglu
Die Liebe zwischen den beiden Männern dauert von ihrer gemeinsamen Jugend bis zu Chopins Lebensende im Jahr 1849. Deshalb widmet Moritz Weber ihr in seinem über 500 Seiten starken Buch auch das ausführliche erste Kapitel. Ihre Liebe übersteht dabei nicht nur lange Phasen der räumlichen Trennung, sondern auch ein politisches Klima, in dem Homosexualität mindestens gesellschaftlich stark geächtet, wenn nicht sogar gerichtlich bestraft wird.
Die Queerfeindlichkeit und Misogynie des 19. und 20. Jahrhunderts reichen bis in unsere moderne Zeit. Sie haben Generationen von Chopin-Forscherinnen und -Forschern und mit ihnen das allgemeine Wissen über den Komponisten beeinflusst. Moritz Weber beleuchtet in seinem Buch anhand von neuen Quellen genau diese Themen, die lange Zeit tabu waren und zensiert wurden.
Bis heute halten sich zum Beispiel hartnäckig Erzählungen über vermeintliche Liebesbeziehungen, die Chopin zu Frauen gehabt haben soll. Oder über eine heimliche Verlobung mit der 17-jährigen Maria Wodzińska – die es aber nie gegeben hat.
Im Buch fordert Weber, dass die alten Narrative kritisch hinterfragt und weiter aufgearbeitet werden. Es liege im Interesse der Forschungsgemeinschaft, mehr Primärquellen zu den Chopin nahestehenden Männern zu suchen.
Vieles verschollenIn seinem Buch, das sich zeitweise liest wie ein aufregender Liebesroman, räumt Weber mit den etablierten Erzählungen über Chopins Privatleben auf. Er stützt sich dabei auf ungefähr 800 Briefe, verschiedene Nachlässe und auch Archivalien aus der Polnischen Bibliothek in Paris oder den Akten der Polizeipräfektur von Paris.
Ein großer Teil seiner Schriften und der Korrespondenz zwischen Chopin und seinen Liebhabern und Freunden sind allerdings verschollen. Auch viele Antwortbriefe der ihm nahestehenden Männer fehlen bis heute, was die Aufarbeitung ihrer Verhältnisse zueinander schwierig gestaltet. Trotzdem überrascht beim Lesen, wie detailliert, wie ausführlich und wie extrem deutlich die überlieferten Texte sind.
Andererseits widmet Weber aber auch gut 50 Seiten den vermeintlichen Liebhaberinnen Chopins und ordnet ihre eigentliche Bedeutung in seinem Leben ein. Keiner der Liebesbriefe sei an eine Frau geschrieben worden, stellt Weber fest. An Frauen seien insgesamt verhältnismässig wenige und auch nur kurz Briefe geschrieben worden.
Darin, so Weber, seien auch nie romantische oder leidenschaftliche Zeilen zu finden, wie in den Briefen an Tytus oder andere Männer. Chopin gebe in seiner Korrespondenz selbst Hinweise auf seinen ziemlich berechnenden Umgang mit Frauen, schreibt Weber:
Er beschreibt mehrmals, dass er in Liebesdingen ein Doppelleben führt, ganz im sozialpsychologischen Sinn: Er trennt sein öffentliches und privates Leben bewusst und sorgfältig. […] Er legt einen Deckmantel über sein eigentliches, homophiles Begehren und verhüllt so seine wahren Gefühle, die er in seiner Zeit nicht offen zeigen kann.
Das formuliert Chopin selbst in einem Brief an Tytus: „Ich hätte dich gerne hier – Du glaubst nicht, wie traurig ich hier bin, dass ich mich mit niemandem aussprechen kann. Du weißt, wie einfach ich Bekanntschaften mache […] aber ich kann mit niemandem zusammen seufzen. — Was meine Gefühle anbelangt, bin ich immer in Synkopen mit den anderen. Deshalb quäle ich mich.“
Moritz Webers Buch ist nicht nur eine wichtige Abrechnung mit der bisherigen Chopin-Forschung und liefert zentrale Neudeutungen und Ergänzungen. Es erweist sich darüber hinaus als unglaublich aufschlussreicher Text über queeres Leben im 19. Jahrhundert. Spätestens jetzt ist, wie der Autor schreibt, die Zeit gekommen, diese Lebensrealitäten anzusprechen und zu erforschen. Dieses Buch ist ein kräftiger Anstoß dazu, den es offenbar gebraucht hat.
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