Ein schwerer Arbeitsunfall veränderte das Leben von Christoph Scheiblhofer vor fast genau fünf Jahren innerhalb weniger Sekunden: 85 Prozent der Haut des Mühlviertlers waren verbrannt, die Überlebenschancen für den begeisterten Judoka stand schlecht.
Doch der damals 18-Jährige kämpfte sich zurück. Heute steht er wieder voll im Leben - als Polizist, Judoka und Vorbild an Lebensmut. Im Podcast „Wieder gesund - zurück ins Leben“ erzählt Christoph Scheiblhofer eindrücklich von seiner Geschichte, den Herausforderungen und seiner Rückkehr in ein aktives Leben.
OÖN: Herr Scheiblhofer, können Sie sich noch an den Tag des Unfalls erinnern?
Christoph Scheiblhofer: Ja, an diesen Tag erinnere ich mich genau. Wir hatten damals eine ganz normale Kontrollrunde in unserer Firma. Dann passierte es plötzlich: Ein Zischen, gefolgt von einer lauten Gasexplosion. Ich wurde sechs bis sieben Meter durch die Luft geschleudert und weiß noch, wie ich danach wieder aufgestanden bin. Trotz der Verbrennungen konnte ich selbst Hilfe holen. Ab dem Eintreffen der Rettung weiß ich aber nicht mehr viel, die starken Schmerzmittel haben sofort gewirkt.
Wie konnten Sie in einem derartigen Zustand noch Hilfe holen?
Das Adrenalin sorgt in solchen Momenten dafür, dass man weniger Schmerz spürt und einfach funktioniert. Mir war aber schnell klar, dass etwas ganz und gar nicht stimmt, ich stand in einer Blutlatsche..., das Gewand klebte an meinem Körper. Zuerst kam ich ins Kepler Uniklinikum, dann sofort mit dem Hubschrauber nach Wien auf eine Station, die auf schwere Verbrennungen spezialisiert ist.
Welche Verletzungen waren am gefährlichsten?
Zu den schweren Verbrennungen am ganzen Körper hatte ich zusätzlich einen Schädelbasisbruch und eine Gehirnblutung, außerdem war mein Trommelfell geplatzt. Um diese Dinge konnte man sich aber gar nicht kümmern, da ich aufgrund der Verbrennungen in Lebensgefahr schwebte. Ich war auf der Intensivstation im künstlichen Koma. Besonders heikel war die Gefahr von Organversagen, da die verbrannte Haut nicht mehr als Schutzschild funktionierte.
Wann kamen Sie wieder zu Bewusstsein?
Ich war einen Monat lang im künstlichen Koma, an die Zeit habe ich keine Erinnerung. Als ich im August langsam zurückgeholt wurde, war die Orientierung komplett weg, und ich habe starke Halluzinationen erlebt - das war sehr beängstigend. Die Tage danach waren von Schmerzen, Bandagen und der Ungewissheit geprägt. Meine Eltern rechneten in den ersten beiden Wochen, in denen ich im Koma lag, täglich damit, dass ich sterben könnte. Als die erste Gefahr gebannt schien, prognostizierten die Mediziner, dass der junge Sportler ein Pflegefall sein würde, weil Sehnen und Nerven der Hände schwer geschädigt waren. Dass ich heute so dasitze, habe ich der Rettungskette, den Medizinern, meiner Familie und tausend Schutzengerl zu verdanken.
Wann war der Moment, als Sie realisiert haben, was passiert ist?
Das Bewusstsein kam – wie gesagt – schleichend zurück. Als ich das erste Mal ein Foto von mir gesehen habe, das meine Mama gemacht hat, war ich erleichtert zu wissen, dass - trotz der Verletzungen - alles „dran“ geblieben war und dass ich noch ein Gesicht habe. Meine Familie war eine enorme Stütze, auch die vielen Briefe und Nachrichten aus dem Freundeskreis und von Trainingskollegen des Judozentrums Mühlviertel haben mir in dieser Zeit Kraft gegeben. Ich war zum Zeitpunkt des Unfalls U18-Meister.
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Wie haben Sie es geschafft, nicht aufzugeben, nicht zu verzweifeln und den Mut zu verlieren?
Aufgeben war für mich nie eine Option. Ich habe immer Ziele vor Augen gehabt, und der Sport hat mir einen Kämpfergeist geschenkt. Auch wenn alles schwierig war - es gab diesen inneren Willen, wieder gesund zu werden, wieder zurück ins Leben zu kommen, Tag für Tag kleine Fortschritte zu machen. Anfangs konnte ich aufgrund des enormen Muskelschwunds nach den vier Wochen im Tiefschlaf nicht einmal sitzen, sondern bin nach vorne gekippt.
Wie verlief die Rehabilitation nach der Entlassung aus dem Krankenhaus?
Anfangs war alles eine extreme Herausforderung. Ich habe in kurzer Zeit 20 Kilo verloren und musste alles wieder lernen, zu sitzen und zu gehen. Schritt für Schritt, mit viel Training und Unterstützung, konnte ich die Muskulatur langsam wieder aufbauen. Bei der Physiotherapie habe ich dann auch mit einfachem Training mit den Therapeuten begonnen und dann selbst so lange weitergemacht, bis das Thera-Band durchgerissen ist - der sportliche Ehrgeiz hat mir sicherlich enorm geholfen.
Sie sind begeisterter Judoka - wie schnell konnten Sie wieder auf die Matte zurückkehren?
Die Ärzte sagten damals, dass ich zwei Jahre keinen Kontaktsport betreiben sollte. Aber es hat mich sehr bald wieder auf die Judomatte gezogen - schon im Dezember 2020 stand ich wieder darauf, anfangs noch mit mehreren Pullis zum Schutz. Mit jedem Training wurde meine Haut unempfindlicher und die Bewegung half, dass die Narben weich blieben.
Welche Rolle spielte der Sport bei der Genesung?
Der Sport, besonders das Judo, hat mir nicht nur körperlich, sondern auch seelisch unglaublich geholfen. Die Gemeinschaft im Verein, alte Freundschaften und die Freude an Bewegung waren zentral für meine Motivation. Ich habe erlebt, wie wichtig sportliche Aktivität und die Unterstützung durch ein soziales Netzwerk in der Heilung sind.
Wie hat sich Ihr Berufsleben nach dem Unfall entwickelt?
Ich konnte nicht mehr im ursprünglichen Beruf arbeiten, wurde aber von meiner Firma unterstützt und bekam eine Stelle im Büro. 2023 bewarb ich mich dann bei der Polizei. Nach mehreren medizinischen Checks wurde bestätigt, dass ich körperlich in der Lage bin - jetzt arbeite ich als Polizist in Linz, eine Aufgabe, die mich jeden Tag erfüllt und stolz macht.
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Wie blicken Sie heute auf das Erlebnis zurück?
Es ist schwierig, diesen Tag zu feiern - für meine Familie ist es nicht einfach, daran zu denken. Aber für mich ist es auch ein Tag der Dankbarkeit: Ich habe überlebt, bin wieder fit und kann mein Leben aktiv gestalten. Die Erinnerung an den Unfall zeigt mir immer wieder, wie weit ich gekommen bin, und macht mich auch ein Stück weit stolz.
Haben Sie abschließend einen Rat für Menschen in aussichtslos scheinenden Situationen?
Niemals aufgeben, auch wenn es hoffnungslos erscheint! Es braucht Zeit, Mut und Unterstützung - aber jeder kleine Fortschritt zählt. Die mentale Einstellung, Ziele und Menschen an der Seite geben Kraft. Heute weiß ich: Es ist viel mehr möglich, als man sich am Tiefpunkt vorstellen kann. Dranbleiben lohnt sich.
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Autorin
Leiterin Redaktion Leben und Gesundheit
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