Eine kleine Berliner Firma ist Teil der Nasa-Mondmission Artemis II. Das Start-up Neuro Space hat einen modularen und kostengünstigen Mond-Rover entwickelt. rbb|24 hat mit Firmengründerin Irene Selvanathan zum Thema gesprochen.
Interview Berliner Ingenieurin von Neuro Space "Ich wollte ein Raumschiff bauen"
Irene Selvanathan ist Gründerin des Berliner Start-ups Neuro Space, das gerade einen modularen und kostengünstigen Mond-Rover entwickelt, der vielleicht schon bald auf dem Mond herumkurvt. Das Unternehmen war Teil von Artemis II, der bemannten Mondmission der Nasa, und durfte im April einen eigenen Satelliten mit ins All schicken, um die Technik seines Roboters zu testen. Eine große Ehre für das kleine Berliner Unternehmen.
rbb|24: Frau Selvanatan mit dem Satelliten Tacheles war ihr Team Teil der Mond-Mission der Nasa. Sie waren beim Start live dabei. Wie war das?
Irene Selvanathan: Großartig. Und es war super aufregend. Wenn man anderthalb Jahre darauf hingearbeitet hat, plus ein halbes Jahr Wartezeit, bis endlich die Rakete gestartet ist…
rbb|24: Was haben Sie aus dem Prozess vor dem Start gelernt, persönlich und als Unternehmen?
Selvanathan: Sehr viel. Aber erstmal: Ich bin so stolz auf mein Team. Und wir sind dadurch ohne einen einzigen 'Waver', also dass wir die Nasa bitten mussten, "macht doch hier bitte eine Ausnahme", sondern wir haben es komplett allein geschafft. Und dass wir jetzt sagen können: wir schaffen es, ein Raumfahrtsystem zu bauen, das die allerhöchsten Anforderungen erfüllen kann, also die bemannte Mission der Nasa - darauf sind wir natürlich unglaublich stolz.
Archivbild-Ausschnitt: Neuro Space-Gründerin Irene Selvanathan zu Gast beim Verein Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI) (Quelle: imago images/Klar)
rbb|24: Was suchen Neuro Space und was suchen Sie persönlich im Weltraum?
Selvanathan: Viele hier im Unternehmen sind große Science-Fiction-Fans, und die wollten endlich mal Science Fiction mitgestalten und live und anfassbar machen und ein Teil davon sein. Jetzt endlich wird über die Besiedlung vom Mond geredet. Das ist zwar nicht der Mars, aber trotz allem fühlt es sich an wie neue Welten.
Aus meiner Perspektive: Leben zu schaffen, wo noch kein Leben war. Und vor allem ein Teil davon zu sein, das Ganze hochzuziehen.
rbb|24: Wenn man in einigen Jahren oder Jahrzehnten zurückblicken sollte in diese Ära der Monderkundung, für was soll denn Neuro Space stehen?
Selvanathan: Wir würden gerne dabei sein, wenn der erste Astronaut den Mond wieder betritt, und am liebsten, dass er auch noch einen unserer Rover mitnimmt.
Start der Rakete: Mission Artemis 2 (Quelle: picture alliance / ZUMAPRESS.com | Bill Ingalls/Nasa)
rbb|24: Sie sind nicht nur Ingenieurin, Sie sind auch Gründerin. Dazu gehört Sichtbarkeit und Selbstvermarktung. Wie schaffen Sie diesen Spagat?
Selvanathan: Ich glaube, das war für mich die größte Herausforderung: mich selbst zu präsentieren und zu lernen, so viel Selbstbewusstsein zu entwickeln, dass ich klar und stolz dastehen kann. Männer können das ja, alles etwas überziehen … Da bin ich noch nicht. Ich bin immer noch direkt und sage ganz ehrlich, was wir können und was wir nicht können. Aber jetzt mit viel mehr Selbstbewusstsein.
rbb|24: Auf wie vielen Bühnen standen Sie bisher als einzige Frau?
Selvanathan: Schon auf einigen. Ich weise auch immer darauf hin: "Ich bin ja scheinbar die einzige Frau hier."
Wir hier im Unternehmen sind schon bei fast 50 Prozent Frauenanteil. Ingenieurinnen, auch Leute aus der Wirtschaft. Und das ist uns auch superwichtig. Man behandelt sich gegenseitig anders. Der Ton ist gar nicht mehr so rau und alles nicht mehr so straight forward.
rbb: Hat das Ihrem Team geholfen?
Selvanathan: Auf jeden Fall. Wir haben ein super angenehmes Umfeld. Wobei ich jetzt die strenge Mutti geworden bin, die den strengen Tonfall reinbringt. Das bringe ich auch gerade Frauen bei, das gehört dazu, wenn man ein Projekt oder ein Team leitet: dass man auch mal das Sagen haben und akzeptieren muss, dass manche einen nicht mögen oder die Situation gerade doof finden. So funktioniert es ja auch in der Männerliga, da ist ja auch immer einer, der durchsetzt.
Frauen sehen sich ungern in dieser Position, sie wollen lieber geliebt und gemocht werden. Aber dann kriegen sie immer sofort diese Handlanger-Arbeit. Und das will ich eben nicht. Ich will in den Meetings, gerade wenn Männer kommen, dass ich hier sitze mit meinen Frauen und dass die sich an dieses Bild gewöhnen, harte technische Facts mit Frauen auszutauschen. Auch wir können hart verhandeln.
Vier Astronauten heben an Bord der "Orion"-Kapsel mit dem Raketensystem "Space Launch System" vom Weltraumbahnhof Cape Canaveral im US-Bundesstaat Florida ab
rbb: Sie sagten einmal in einem Interview, dass Sie schon als Kind gehört haben: "Du schaffst das nicht." Wo wurden Sie damit konfrontiert und was hat das mit Ihnen gemacht?
Selvanathan: Ich bin 1985 nach Deutschland gekommen, da war ich fünf Jahre alt. Damals fehlte noch dieses Verständnis, dass man ja noch die neue Sprache lernen muss. Nur weil man sich nicht artikulieren kann, bedeutet das nicht, dass man nichts versteht oder dass man keine Mathematik kann oder nicht schreiben. Aber so wird das sofort interpretiert.
Und so habe ich mich erstmal in die Rolle fallen lassen, dass die Erwartungshaltung von den anderen eh nicht besonders groß ist. Ich war total die Träumerin und habe meine Ziele sehr hoch gesetzt. Ich wollte gerne ein Raumschiff bauen.
Jedes Mal, selbst wenn ich mein Abi machen wollte, hieß es: "Denkst Du wirklich, das ist was für Dich?" Beim Studium Elektrotechnik: "Denkst Du wirklich, Du kannst Dich dann durchsetzen, Du als Mädchen?" Und nach dem Abschluss - ich wollte so gerne Raumfahrt: "Wo willst Du sowas in Berlin finden?"
Und auf einmal ging das los mit der Start-up-Gründung für Newspace und ich fand meinen Platz in der Raumfahrt.
rbb: Studien zeigen, dass Menschen mit eigener Migrationserfahrung oder Migrationshintergrund risikobereiter sind beim Gründen, mutige Entscheidungen treffen. Glauben Sie, dass das auch Ihre Entwicklung geprägt hat?
Selvanathan: Ja, das war sehr prägend bei mir. Auch wenn ich mich selber gar nicht so sehe, wird man trotzdem in diese Rolle reingeschoben. Bei mir ist es natürlich offensichtlich durch die andere Hautfarbe. Es war dann so, dass ich mir gedacht habe: Ich habe eh nichts zu verlieren. Wenn ich scheitere, würden alle sagen: War ja nicht anders zu erwarten. Wenn ich es schaffe, sind sie halt überrascht.
Es ist egal, was andere Leute sagen. Sie leben mein Leben nicht, sie kennen das alles nicht, was ich durchgemacht habe. Also warum soll ich mir von wildfremden Menschen irgendwas erzählen lassen?
Vielen Dank für das Gespräch.
Der Text ist eine gekürzte und redigierte Fassung.
Sendung: rbb24 Inforadio, 11.06.2026, 11:05 Uhr
Audio: rbb24 Inforadio, 11.06.2026, Efthymis Angeloudis im Gespräch mit Irene Selvathanan
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