Die Schließung der Geburtshilfe im St. Josefs-Krankenhaus ist eine von vielen. Nicht nur im Zuge der Krankenhausreform, auch weges des Geburtenrückgangs stehen Brandenburger Geburtstkliniken insgesamt unter Druck.
Krankenhausreform Brandenburger Geburtskliniken stehen unter wirtschaftlichem Druck
Von Amelie Ernst
Elias hat es noch rechtzeitig geschafft. Rund 40 Minuten Anfahrtszeit hatten seine Eltern aus der Nähe von Gransee, als er sich durch Wehen ankündigte. Elias wurde im Universitätsklinikum in Neuruppin (Ostprignitz-Ruppin) geboren – zwei Tage später steht seine zweite Routine-Untersuchung an. Das Einzugsgebiet der Geburtsklinik reicht von der Prignitz bis nach Oberhavel.
Deshalb sei es auch unwahrscheinlich, dass die Klinik im Zuge der Krankenhausreform geschlossen werde, sagt Thomas Schmitz, der Chefarzt der Kinderklinik am Uni-Klinikum Ruppin-Brandenburg. Das zeige sich auch daran, dass hier weiter in die Geburtshilfe investiert werde. "Man würde nicht investieren, wenn man wüsste, hier wird in zwei, drei Jahren abgebaut."
6.000 Neugeborene weniger pro Jahr
Grundsätzlich steht Thomas Schmitz hinter den Zielen der Krankenhausreform. Ressourcen und auch die begehrten Fachkräfte müssten an weniger aber dafür hochmodern ausgestatteten Geburtskliniken gebündelt werden. Schließlich würden auch im Brandenburger Norden immer weniger Kinder geboren. Etwa 500 sind es derzeit pro Jahr im Klinikum in Neuruppin; in den 1980er Jahren waren es noch weit mehr als doppelt so viele. Rund 15.000 Neugeborene pro Jahr sind es in ganz Brandenburg - 2016 waren es noch knapp 21.000. "Man muss die Versorgung der niedrigeren Geburtenzahl anpassen. Es ist eine große Leistung, die Versorgung rund um die Uhr und auch an Feiertagen aufrecht zu erhalten." Deshalb mache es keinen Sinn, die gleiche Zahl von Kindern in 40 Krankenhäusern zu versorgen wie noch in den 1990er Jahren, so Schmitz. Derzeit gibt es in ganz Brandenburg noch knapp halb so viele Geburtskliniken.
Hebamme: Lange Anfahrtswege Problem für Eltern
Hebamme Sylke Barthel sieht das etwas anders. Seit über 40 Jahren begleitet sie Geburten am Ruppiner Klinikum - und auch sie hält die Spezialisierung der Krankenhäuser in vielen Bereichen für richtig. Allerdings könnten lange Anfahrtswege gerade in der Geburtshilfe zum Problem werden. "Für manche Frauen sind 50 oder 60 Minuten einfach zu weit." Auch mit dem Rettungswagen sei das nicht immer zu schaffen. "Oder die Eltern fahren mutig von zu Hause los und müssen dann doch irgendwo rechts ranfahren, weil das Kind es sehr eilig hat. Das passiert auch."
30 Minuten Fahrt bis zur nächsten Geburtsklinik hält Sylke Barthel noch für zumutbar. "In Ballungsgebieten ist die Dichte der Kliniken vielleicht noch hoch genug. Aber im ländlichen Raum wäre es schon wünschenswert, wenn die Frauen nicht so lange Fahrtwege auf sich nehmen müssten."
"40 Minuten Anfahrt sind grenzwertig“
Brandenburgs Gesundheitsminister René Wilke (SPD) zeigt sich verständnisvoll. Trotzdem will er sich nicht grundsätzlich gegen die laufenden Veränderungen stellen – man müsse mit ihnen umgehen. "Das Weiteste, was wir ermittelt haben in der Prognose, sind 40 Minuten. Und das ist eine Distanz, wo ich auch sage, das ist grenzwertig." Solche Entwicklungen müsse man bei der Umsetzung der Krankenhausreform im Blick haben, so Wilke.
Doch was heißt das konkret? Wann entscheidet die Wirtschaftlichkeit - und wann der Bedarf der Schwangeren? Die Klinikbetreiber haben offenbar in erster Linie die Wirtschaftlichkeit im Blick: Templin, Eisenhüttenstadt, Forst, Ludwigsfelde, Strausberg: In den vergangenen Jahren und auch jüngst wurden mehrere Brandenburger Geburtskliniken geschlossen - noch vor der eigentlichen Umsetzung der Krankenhausreform.
Auch das Potsdamer St. Josefs-Krankenhaus sei mit der Schließung der Geburtshilfe möglichen Vorgaben durch die Krankenhausreform zuvorgekommen, so Wilke. "Manche Träger sagen: 'Wir warten jetzt nicht, sondern wir wissen schon, dass bestimmte Dinge nicht mehr finanziert werden.'" Der wirtschaftliche Druck werde größer, "und deshalb passieren bestimmte Anpassungen jetzt schon im Vorgriff auf das, was am Ende bei der Krankenhausplanung rauskommt", sagt Wilke.
Das hat für Patient:innen in Städten und Patient:innen auf dem Land unterschiedliche Folgen: So werden die Wege für Gebärende in Potsdam nach der Schließung der Geburtshilfe am St. Josefs-Krankenhaus zwar nicht weiter – die Geburtshilfe am Klinikum Ernst von Bergmann ist nur wenige hundert Meter entfernt. Dafür sinkt die Wahlfreiheit, und die Geburtsmedizin am Bergmann-Klinikum wird deutlich größer. Viele wollen sich damit nicht abfinden – Proteste sind geplant.
Sendung: rbb24 Brandenburg Aktuell, 15.07.2026, 19:30 Uhr
Video: rbb24 Brandenburg Aktuell, 15.07.2026, Ronja Bachofer
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