Bei Hitze lassen Konzentration und Kraft schneller nach als früher, sagt die 89-jährige Ursula Neumark aus Huchting. Eine Expertin erklärt, worauf ältere Menschen jetzt besonders achten sollten.
Ursula Neumarks Tage haben einen festen Ablauf. "Ich tue mich schwer, meinen festen Rhythmus zu ändern", gibt die 89-Jährige zu. Besondere Priorität räumt die Rentnerin täglich einem Ausflug mit ihrem Pedelec-Dreirad ein. "Ich bin immer unterwegs, jeden Tag, außer bei strömendem Regen", betont sie. Mit eigener Muskelkraft, unterstützt durch den Elektromotor ihres Fahrzeugs, fährt sie dann meist einmal um den Sodenmattsee herum. Der Badesee liegt ganz in der Nähe ihrer Wohnung mit Service bei der Bremer Heimstiftung an der Tegeler Plate 23.
Wie bereits in der vergangenen Woche sind auch am Donnerstag und Freitag wieder Temperaturen um die 30 Grad angekündigt. Dann wird die Tour zur Herausforderung: "Bei dieser Hitze merke ich schon, dass ich abbaue und Konzentrationsschwierigkeiten bekomme", erklärt Neumark. Als es ihr kürzlich schon auf dem Weg zum See so ergangen sei, habe sie sofort kehrtgemacht. Bei über 30 Grad fahre sie inzwischen nicht mehr.
Älter werden hat was mit Anpassenkönnen zu tun.
Bärbel Maruschewski, Leiterin des Dienstleistungszentrums Huchting
Laut Bärbel Maruschewski genau die richtige Entscheidung. Sie leitet das Dienstleistungszentrum Huchting, das ältere und chronisch kranke Menschen sowie Menschen mit Behinderungen und deren Angehörige unterstützt und berät. Die vom Gesundheitsressort geförderte Einrichtung der Paritätischen Gesellschaft für soziale Dienste befindet sich im gleichen Haus. "Viele ältere Menschen strukturieren ihren Alltag durch feste Pläne", sagt Maruschewski. "Aber es ist wichtig, seine Risiken zu kennen."
Denn im ungünstigsten Fall könnten ältere Menschen die Orientierung verlieren und im Zweifel nicht mehr zurück nach Hause finden. "Älter werden hat was mit Anpassenkönnen zu tun", fasst Maruschewski zusammen. Wenn der Faktor Hitze dazukommt, sei es ratsam, Aktivitäten zurückzufahren oder in die frühen Morgenstunden zu verlegen.
Ich kann anderen nur empfehlen, auch Hilfe anzunehmen.
Ursula Neumark, 89 Jahre
"Meine Lebensphilosophie ist Gelassenheit, sich zu sagen, heute mache ich es mal anders", sagt Neumark. Im Sommer fahre sie darum nicht zwei, sondern nur eine Stunde Fahrrad. "Ich merke, ich bin empfindlicher geworden. Irgendwann saust einfach mein Kopf weg. Aber ich erhole mich auch schnell wieder." Dass Ursula Neumark heute frühzeitig einen Gang zurückschaltet, hat einen Grund. Nicht immer war die Huchtingerin bei so guter Gesundheit – vor vielen Jahren erkrankte sie an Krebs.
2015 habe sie schließlich die Entscheidung getroffen, ihr Haus mit dem fast 2000 Quadratmeter großen Garten zu verkaufen und in die Service-Wohnung zu ziehen. Dort ist sie selbstständig, erhält aber, wenn notwendig, Hilfe. "Zum Beispiel brauche ich hier nicht mehr sauber zu machen", sagt sie. Nach drei Stürzen in der Dusche ohne Knochenbruch habe sie sich außerdem entschlossen, eine Pflegekraft zu engagieren, die sie beim Duschen unterstützt. "Ich kann anderen nur empfehlen, auch Hilfe anzunehmen", sagt sie.
Wasserflasche sichtbar parat habenEine andere Sache, die sie in der Reha gelernt habe, komme ihr oft noch in den Sinn: der Merksatz "ein Pinkie machen, Hände waschen, ein Glas Wasser trinken". Was bei Krankheit gilt, lässt sich laut Maruschewski auch aufs Alter anwenden, denn "das Durstgefühl lässt auch bei älteren Menschen nach". Darum empfiehlt sie, immer eine Flasche Sprudel parat zu haben und sichtbar hinzustellen, damit man weiß, wie viel man bereits getrunken hat. "Wer zum Kaffee Besuch hat, kann dazu ein Glas Wasser anbieten", sagt Maruschewski.
Um dem Körper auch während der Mahlzeiten Flüssigkeit zuzuführen, würden wasserhaltige Speisen helfen, wie Suppe, Melone, Joghurt oder Götterspeise, empfiehlt Bärbel Maruschewski. Innerhalb der älteren Generation sei es oft nicht so verbreitet, auch zum Essen Wasser zu trinken. "Ich bin eine der wenigen, die zum Mittagessen vier bis fünf Gläser Wasser trinkt", erzählt Neumark.
Mittagsschlaf dient als wichtige ErholungspauseEine häufige Begründung, warum ältere Menschen weniger trinken und unterwegs kein Wasser mitnehmen, sei, dass sie nicht so oft auf Toilette gehen wollten. Das sei einerseits verständlich, sagt Maruschewski, denn "von den Möglichkeiten, in Bremen eine öffentliche Toilette zu finden, wollen wir hier mal nicht sprechen". Mit dem Toilettengang nachts sei eine andere Herausforderung verbunden: "Viele haben Angst, zu stolpern." Das Risiko lasse sich zumindest reduzieren, wenn man abends nicht mehr so spät trinke.
Wichtig sind für Ursula Neumark Erholungspausen, etwa die tägliche Mittagsruhe. "Ich habe das Glück, dass ich gut schlafen kann", sagt sie. Bei ganz großer Hitze holt sie die Biberbettwäsche raus. Aber ihr sei auch klar, dass man in tropischen Nächten nicht immer gut schlafe.
Was zum Wohlbefinden beiträgt, ist aber letztlich nicht für jeden Menschen das Gleiche. Wenn Ursula Neumark zu Hause ist, lässt sie auch bei Temperaturen über 30 Grad immer die Balkontür auf. "Da bin ich etwas stur. Ich brauche frische Luft und Kontakt nach draußen. Ich könnte nicht den ganzen Tag im abgedunkelten Zimmer sitzen, das würde mir aufs Gemüt schlagen", sagt sie.
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