Hakenkreuze, zerstörte Skulpturen, aber auch Solidarität: Kunst im öffentlichen Raum sorgt in Sachsen-Anhalt immer wieder für Diskussionen. Vor der Landtagswahl erzeugt das Thema zusätzliche Spannung.
AUDIO: Sachsen-Anhalt: Wenn Kunst im öffentlichen Raum polarisiert (4 Min)
Vor der Landtagswahl
Zwischen Zerstörung und Solidarität: Kunst im öffentlichen Raum in Sachsen-AnhaltStand: 13.08.2026 03:00 Uhr
Die einen zerstören und beschmieren sie, andere übernehmen Patenschaften für ihren Erhalt: Kunstwerke im öffentlichen Raum sorgen in Sachsen-Anhalt immer für Diskussionen. Warum Kunst außerhalb von Museen so häufig polarisiert und welche Rolle sie vor der Landtagswahl im September spielt.
von Sandra Meyer, MDR Kulturdesk
"Glühende Horizonte" hieß ein Kunstparcours im ländlichen Raum, mit dem Allstedt zu einem der Aushängeschilder für das bundesweite Gedenken an den Bauernkrieg vor 500 Jahren wurde. Die Kunststiftung Sachsen-Anhalt hatte dazu 15 Künstler eingeladen, sich mit der Geschichte der Stadt und dem Thema Gerechtigkeit im öffentlichen Raum auseinanderzusetzen.
Man ist einer anderen Form von Kunstkritik ausgesetzt, denn praktisch jeder kann etwas zu einem sagen. Stiftungsdirektorin Manon Bursian über öffentliche Kunst
Stiftungsdirektorin Manon Bursian sagte MDR KULTUR, mit dem Parcours habe man die hiesige Kunstszene unterstützen wollen. Öffentliche Kunst werde stärker wahrgenommen als Ausstellungen. Mit der größeren Aufmerksamkeit gehe jedoch auch mehr Kritik einher, "denn praktisch jeder kann etwas zu einem sagen."
Hakenkreuze und zerstörte Skulpturen in AllstedtUnd in diesem Zwiespalt bewegt sich Kunst im öffentlichen Raum: Sie ist für alle sichtbar, aber sie gefällt nicht allen. Und genau deshalb wurden in Allstedt viele Gesprächsangebote gemacht, erzählt Bursian. Woraufhin etliche Bürger sogar Patenschaften für die Kunstwerke übernommen haben. Gleichzeitig gab es aber auch Zerstörungen: Da wurden die Porträts, die der Künstler Martin Ritzmann von den Allstädter Bürgern gemacht hatte, mit Hakenkreuzen und anderen Schmierereien besudelt.
Die Bildhauerin Daniela Schönemann musste erleben, dass ihre künstlichen Halden, ein identitätsstiftendes Werk über die Menschen und ihre Arbeit im Mansfelder Land, nachts zerstört wurde. Jemand sei auf die Skulpturen geklettert und habe sie dabei zerbrochen, erzählt die Künstlerin: "Ich konnte sie nicht wieder einfach so aufbauen. Da hat mich der Mut verlassen. Dann habe ich aber auch gemerkt, dass ein großer Wille da ist, dass die Skulpturen wieder stehen, und dass ich damit nicht alleine bin", so Schönemann.
So bewegt sich Kunst im öffentlichen Raum zwischen Zerstörung und Solidarität – eine Erfahrung, die auch Annegret Laabs, als Direktorin des Kunstmuseums Magdeburg immer wieder macht. "Kunst im öffentlichen Raum ist offen für alle, und damit provoziert es natürlich leichter", sagt sie. "Plötzlich sprechen all jene mit, die sonst gar keine Meinung äußern, wenn es um Gegenwartskunst geht."
Das sei jedoch nicht nur ein Nachteil, sondern zugleich ein Vorteil von Kunst im öffentlichen Raum. Auf diese Weise könne Kunst Menschen erreichen, die sonst nicht in Museen gehen, so Laabs weiter. So hätten die Magdeburger etwa die Lichtinstallation mit dem Titel "von so weit her, bis hierhin / von hier aus noch viel weiter" des italienischen Künstlers Maurizio Nanucci an der Hubbrücke regelrecht ins Herz geschlossen.
Debatte vor Wahl in Sachsen-Anhalt wichtigUnabhängig davon sei die Auseinandersetzung mit Kunstwerken und auch die Debatten über Kunst wichtig, sagt Laabs, auch mit Blick auf die kulturpolitische Situation vor der Landtagswahl. Sie habe schon Sätze gehört wie "Wir brauchen keine Kunst, ich mag lieber den Dom." Dabei handele es sich bei dem Bauwerk und den Jungfrauen am Domportal ja um Kunst. "Wenn jemand sagt, das mag ich mehr als Kunst, dann heißt das, wir müssen dringend mal wieder darüber sprechen, was Kunst eigentlich ist."
Wenn man sagt, Kunst ist die, die auf deutschem Boden entsteht und nicht politisch ist, dann bleibt nichts übrig von der Kunst in unserem Land. Annegret Laabs, Direktorin des Kunstmuseums MagdeburgKritik Kulturbegriff der AfD
Und das gilt nicht nur für Kunst im öffentlichen Raum, sondern für die gesamte zeitgenössische Kunst. Denn Kunst muss nicht unbedingt schön oder erhaben sein, sondern viele Künstler wollen den Betrachter durch ihre Werke auch aufrütteln, sagt die Museumsdirektorin: "Und dadurch ist eigentlich jedes Kunstwerk auch politisch, weil es immer sich in die Gesellschaft einbettet, in der es entsteht."
Laabs, die auch an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle lehrt, nimmt damit Bezug auf das Wahlprogramm der AfD, dem aus ihrer Sicht ein unverständlicher Kulturbegriff zu Grunde liegt. Wenn für eine Förderung künftig ein Bekenntnis zur deutschen Nationalkultur nötig sei und Kunst nur als etwas verstanden werde, das "auf deutschem Boden entsteht und nicht politisch ist", dann bleibe "nichts übrig von der Kunst in unserem Land." Das gelte nicht nur für Sachsen-Anhalt, sondern für ganz Europa.
Denn Kunst war und bleibt auch immer übernational, sagt Laabs und auch deswegen werden und sollen die Debatten über das Selbstverständnis von Kunst und Kultur unbedingt weitergehen.
Redaktionelle Bearbeitung: vp
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