Unter der Woche in der Filiale, am Wochenende Quarterback – und 2028 Olympionike? Benjamin Klever denkt an nichts anderes als Los Angeles.
An den Wochenenden tauscht Benjamin Klever Sakko und Hemd gegen Helm und Schulterpads ein. Der Zwei-Meter-Mann lässt dann den Alltag und seinen Job in einer Frankfurter Bank hinter sich, er schlüpft in die Rolle des Spielmachers: Seit 2010 schon ist Klever Quarterback der deutschen Flag-Football-Nationalmannschaft, 2028 könnte er bei den Sommerspielen in Los Angeles sein Olympia-Debüt feiern – mit 38 Jahren. Ab Donnerstag geht es bei der Heim-WM in Düsseldorf um die Tickets.
Klever, achtmaliger deutscher Meister von den Walldorf Wanderers, ist für den bemerkenswerten Aufstieg seiner Sportart quasi ein Zeitzeuge. „Vor der WM 2021 in Israel haben wir im Trainingslager in der Sporthalle geschlafen“, erinnert sich der Team-Kapitän. Doch als das Internationale Olympische Komitee (IOC) im Oktober 2023 verkündete, dass Flag Football 2028 erstmals Teil des Programms sein wird, änderte sich alles. Plötzlich flossen Fördergelder des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) in Trainingslager, Infrastruktur und Trainer.
Früher alles Selbstzahler„Früher sind wir auf Weltmeisterschaften gefahren und mussten alles selbst zahlen“, so Klever. „Wenn sich damals einer im American Football auskannte, war es schon etwas Besonderes. Dann noch jemanden zu treffen, der Flag Football kannte, war wie ein Sechser im Lotto.“ Heute ist das anders: „Mittlerweile sagen die Leute: Ah, Flag Football, das ist doch 2028 olympisch.“
Klevers Weg begann im Alter von 13 Jahren, als er durch ein NFL-Schulprogramm erstmals mit Flag Football in Kontakt kam. Seit 2007 ist er Teil der Nationalmannschaft – damals noch als Wide Receiver. „2010 habe ich auf Quarterback umgeschult, und seitdem spiele ich auf dieser Position“, erzählt er. Doch sein Weg war nicht immer einfach: Drei Kreuzbandrisse hat er in seiner Karriere überstanden. Zudem musste der heute 36-Jährige von 2014 bis 2020 auf Welt- und Europameisterschaften verzichten. Nicht aber aufgrund von Verletzungen, sondern weil der American Football Verband Deutschland (AFVD) aus finanziellen und verbandspolitischen Gründen nicht an den Turnieren teilnahm. Klever will verhindern, dass sich das wiederholt. 2024 wurde er von der National Football League (NFL) zum weltweiten Botschafter für Flag Football ernannt. „Teil des Wachstums dieses Sports in den vergangenen zwanzig Jahren zu sein, war unglaublich“, sagt er.
Nun steht erstmal die Heim-WM vor der Tür, und die Chance auf Olympia ist greifbar. Ab Donnerstag werden auf der Bezirkssportanlage Düsseldorf-Garath zwei Tickets für Los Angeles vergeben. Die USA haben als Gastgeber einen der sechs Plätze im Turnier sicher. Zwei weitere Teams seien „fast nicht wegzudenken“, meint Klever. „Und danach ist es eine Gruppe von wahrscheinlich zehn Teams, die um drei Spots kämpft“. Dazu zählt auch die AFVD-Auswahl, die 2023 mit Klever als Playmaker Europameister wurde. Das Team, derzeit Weltranglistenelfter, trifft in der Gruppenphase auf Mitfavorit Mexiko, Brasilien und die Schweiz. Dann wird der Spielmacher alles dafür geben, dass sein Traum in Erfüllung geht. sid