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Podlachien: Polens unbekannter Osten

Дата публикации: 12-08-2026 12:35:40

In der polnischen Region Podlachien gibt es kaum Massentourismus, dafür unwegsame Wälder, Moore und ein einzigartiger Kulturmix. Podlachien ganz im Osten Polens gilt bisher noch als Geheimtipp.

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Ein Feld mit Feldweg, im Hintergrund Wald, im Abendlicht

AUDIO: Podlachien: Eine polnische Region zwischen den Kulturen (3 Min)

Tourismus

Polen, wie es kaum einer kennt: Urwald, Wisente und Moscheen

Stand: 12.08.2026 14:35 Uhr

Am Ostrand der EU liegen die Heimat der Wisente, bunte Holzdörfer und jahrhundertealte Moscheen. Acht Stunden Autofahrt von Dresden oder Berlin entfernt kann man in Podlachien einen besonderen Kulturmix entdecken, in einer Region, in der Ostern und Weihnachten zwei Mal gefeiert werden.

von Dawid Smolorz

Im Nordosten Polens liegt eine Region, die viele Urlauber außerhalb von Polen immer mehr für sich entdecken – Podlachien. Abseits der großen Reiserouten sind die Wälder hier urwüchsig, die Bevölkerung kulturell vielfältig. Nicht vermuten würde man etwa in den kleinen Orten Kruszyniany oder Bohoniki eine besondere Volksgruppe: die muslimischen Tataren.

Bronisław Talkowski, Vorsitzender der muslimischen Gemeinde in Kruszyniany, erklärt oft und gern, warum im Osten Polens seit Jahrhunderten Muslime leben. "Die Besiedlung durch die Tataren geht auf eine Entscheidung des polnischen Königs Johann III. Sobieski im Jahr 1679 zurück. Innerhalb der polnischen Armee gab es damals eine treue und mutige Tatareneinheit. Da aber in der Kasse der polnisch-litauischen Adelsrepublik nicht genügend Mittel für den Sold vorhanden waren, bekamen die Soldaten – um eventueller Rebellion vorzubeugen – Land statt Geld."

Heute leben in der Region rund 2.000 Polen tatarischer Abstammung. Sie pflegen ihre Kultur und Religion, treffen sich in den beiden podlachischen Moscheen und dem Tatarischen Kulturzentrum in Kruszyniany, wo es auch ein Museum gibt.

Moschee in Holzbauweise im podlachischen Ort Kruszyniany

Seit mehr als zwei Jahrhunderten sprechen sie polnisch, erklärt Talkowski. "Die Männer waren Soldaten und daher oft weg. Zu Hause wurde Polnisch gesprochen, weil ihre Mütter und Frauen meist Polinnen waren." Häufig ließe sich die Abstammung immer noch an den Namen erkennen. Vornamen wie Salma, Emir oder Selim sind in dieser Gegend verbreitet. Auch gibt es Familiennamen, die als typisch tatarisch gelten, zum Beispiel Hazbijewicz oder Szahidewicz.

Wo Kulturen und Religionen zusammenleben

Die Gegend, seit jeher Begegnungsraum von Völkern und Religionen, wirkt selbst für viele Polen exotisch. Die Region gehört zu den am dünnsten besiedelten Teilen des Landes – für Touristen ein Vorteil.

Im Mittelalter war die sumpfige und dicht bewaldete Gegend zwischen Litauen, dem polnischen Masowien und dem Land des baltischen Volksstamms der Pruzzen Schauplatz vieler Kriege. Im 14. und 15. Jahrhundert siedelten sich verschiedene Gruppen aus drei Richtungen gleichzeitig in diesem Landstrich an. Dass hier heute außer Polen und Tataren auch Litauer und Belarusen leben, ist auch auf den Ortsschildern zu erkennen. In knapp 60 Ortschaften stehen ihre Namen auf Polnisch und in der Sprache der jeweiligen nationalen Minderheit.

Katarzyna Sadowska, Leiterin der Podlachischen Agentur für Tourismus in der Woiwodschaftshauptstadt Białystok sagt, die Begegnung von West und Ost sei in der Gegend eine allgegenwärtige Erfahrung: "Die harmonische Koexistenz hat bei uns eine jahrhundertelange Tradition. Katholisch-orthodoxe Mischehen sind an der Tagesordnung. Weihnachten und Ostern feiern wir doppelt. Auch die orthodoxen Feiertage sind bei uns gesetzlich frei." Multikulturalität präge den Alltag und wirke sich auch auf die regionale Küche aus.

Vielfältige podlachische Küche: Pierekaczewnik, ein tatarisches Gebäck

Aus der tatarischen Küche kommt beispielsweise Pierekaczewnik – eine Art gefüllter Schichtkuchen aus hauchdünnem Teig. Beliebt sind zudem Kartacze, gefüllte Kartoffelklöße, die die Litauer Cepelinai nennen. Im benachbarten Ostpreußen kannte man die Klöße einst in ähnlicher Form als Keilchen.

Bunte Holzarchitektur in den Dörfern Podlachiens

Wie Kirchen und Moscheen, so sind auch viele Wohnhäuser traditionell aus Holz gebaut. Typisch sind bunte und mit Schnitzereien verzierte Fensterläden wie man sie auch in den Dörfern jenseits der Grenze zu Belarus sieht. In vielen Dörfern im "Land der offenen Fensterläden", wie die Tourismusorganisation Podlachien wirbt, leben Angehörige der belarusischen Minderheit.

Bis Mitte des 20. Jahrhunderts war Holz sowohl auf dem Land als auch in den Städten ein wichtiger Baustoff. Viele Kleinstädte wirken deshalb, als wäre in ihnen die Zeit stehengeblieben. Die niedrigen, meist einstöckigen Häuser verleihen ihnen einen fast märchenhaften Charme. Juden machten in diesen Orten bis zum Holocaust einen bedeutenden Anteil der Bevölkerung aus. In vielen Kleinstädten dominierten sie sogar zahlenmäßig.

Bunte Fensterläden aus Holz sind typisch für Wohnhäuser in Podlachien.

Urwald, Moore, Wisente

Heute ist es die Kombination von malerischen Städten und Dörfern auf der einen und wertvoller Natur auf der anderen Seite, die Besucher anzieht, vor allem der Białowieża-Urwald und die ausgedehnten Sümpfe des Biebrza-Tales im größten Nationalpark Polens. In der durch die polnisch-belarusische Grenze zerschnittenen Wildnis finden sich jahrhundertealte Bäume und eine außergewöhnlich große Artenvielfalt, deren Symbol freilebende Wisente sind. Im polnischen Teil des Urwaldes, der bereits 1979 als UNESCO-Weltnaturerbe anerkannt wurde, zählt man heute rund 900 europäische Bisons, wie das größte Säugetier des Kontinents auch genannt wird.

Bisher kein Massentourismus in Podlachien

Wenn man durch die sanften podlachischen Hügel und Wälder streift oder die Sumpfgebiete erkundet, könnte man meinen, dass der Rest Europas die Region noch nicht entdeckt hat. Für polnische Touristen ist die nordöstlichste Woiwodschaft ihres Landes freilich seit langem kein weißer Fleck mehr, für ausländische Gäste hingegen immer noch ein Geheimtipp. "Wir werden gerade entdeckt", präzisiert Katarzyna Sadowska. "Obwohl die Infrastruktur gut ausgebaut ist, gibt es bei uns noch keinen Massentourismus und das ist ein Vorteil. Es gibt hier keine Menschenmassen, man kann sich in Ruhe erholen. Auch muss man vor Sehenswürdigkeiten nicht stundenlang anstehen", so die Leiterin der Tourismusorganisation.

Dennoch steige die Zahl der Gäste aus Deutschland, den Niederlanden, Großbritannien, Skandinavien und den Vereinigten Staaten. Insgesamt kamen 2025 rund 100.000 Besucher aus dem Ausland. Im Jahr 2024 besuchten etwa 7.500 deutsche Touristen die nordöstlichste Woiwodschaft Polens, ein Jahr später bereits knapp Eintausend mehr.

Von Berlin oder Dresden aus erreicht man Podlachien in etwa acht Stunden über das gut ausgebaute Autobahn- und Schnellstraßennetz. Obwohl Podlachien ganz am östlichen Rand der Europäischen Union liegt, ist es also gut angebunden. Einmal angekommen, lohnt es sich, neben der Natur und den historischen Sehenswürdigkeiten direkten Kontakt mit den Bewohnern dieses Landstrichs zu suchen. Bei der sprichwörtlichen ostpolnischen Gastfreundschaft dürfte die Sprachbarriere meist kein Problem sein.

MDR (usc)

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