Klimaanlagen fehlen in den meisten Pflegeheimen, auch im "Haus Invita" in Huchting. Bewohnerin Renate Dahnken findet bei Hitze Entlastung im Schatten auf dem Balkon, kann sich aber nicht selbst dorthin bewegen.
Birgit Brunkow besucht ihre Mutter Renate Dahnken im Pflegeheim ”Invita” fast täglich. Karsten Klama
Wenn das Thermometer über 30 Grad anzeigt, wie schon oft in diesem Sommer, ist es für Renate Dahnken schwer, Abkühlung zu finden. Am besten fühlt sich die Bewohnerin des Pflegeheims "Invita" in Huchting auf Balkon oder Terrasse aufgehoben: Wenn sie dort zugedeckt unter dem Sonnenschirm sitzt, empfindet sie den leichten Luftzug als angenehm. "Die packen einen gut ein", sagt sie. Dorthin kann sie sich aber nicht selbstständig bewegen, denn seit ihrem Schlaganfall ist die 85-Jährige auf einen Rollstuhl und die Hilfe des Pflegepersonals angewiesen.
Nach den eigenen Vorgaben der Einrichtung soll Dahnken jeweils montags, mittwochs und freitags mobilisiert werden. Dazu gehört, dass eine Pflegekraft sie mit einem Hebetuch in den Liegerollstuhl setzt und auf die Terrasse oder den Balkon schiebt. Das passiert nach Angaben ihrer Tochter Birgit Brunkow aber höchstens zweimal pro Woche in den Morgenstunden. "Wenn nicht genügend Hebetücher da sind, fällt das auch mal aus. Und bei der Hitze läuft auch den Mitarbeitern der Schweiß runter", sagt Brunkow. Zusätzlich gibt es im "Haus Invita" aber einige Betreuungskräfte, die Renate Dahnken gelegentlich in den Abendstunden auf dem parkähnlichen Gelände spazieren fahren. Sie lesen auch vor, bieten Spiele, gemeinsames Singen oder Feste an.
Durchzug geht zulasten der PrivatsphäreEbenso wie ihr Bruder besucht die 59-Jährige ihre Mutter fast jeden Tag, bis auf sonntags. "Durch den täglichen Besuch habe ich eine gewisse Kontrolle. Ich glaube, dass sie hier im Rahmen ihrer Möglichkeiten das Beste für die Bewohner tun." So habe sie an den heißen Tagen festgestellt, dass ihre Mutter, die auf Sondenernährung angewiesen ist, mehr und öfter Wasser bekommen habe. Doch mit der Tropfgabe gehe ein Nebeneffekt einher: Mundtrockenheit. Birgit Brunkow erfuhr vom Pflegepersonal, dass man diese mit sogenannten Mundpflegestäbchen aus Schaumstoff lindern kann. "Die taucht man in Wasser und befeuchtet Lippen und Mundraum damit." Allerdings gehörten diese nicht zur Standardausstattung des Pflegeheims – Brunkow muss sie selbst mitbringen und anwenden.
Ein anderes Problem: Um für Durchzug im Zimmer zu sorgen, werde manchmal die Tür offengelassen, was dann aber zulasten der Privatsphäre gehen könne. Speziell wenn sich Dahnken zuvor freigestrampelt hat, weil ihr sogar unter dem dünnen Laken zu heiß ist. "Aufstrampeln geht, aber sie kann sich nicht allein wieder zudecken", schildert Brunkow die Problematik. Da es auch einige Bewohner mit Demenz gibt, stehe manchmal plötzlich ein Fremder bei ihr im Zimmer.
Eine Mischung aus Hitzeschutzkonzept und Improvisation"Die Gefährdung ist da, dass die Intimsphäre gestört wird", räumt Residenzleiter Marcus Kauczor ein. Es sei in Pflegeheimen nicht ungewöhnlich, dass das Personal Bewohner, die sich plötzlich im falschen Raum oder Stockwerk wiederfinden, freundlich wieder hinausgeleiten müsse. "An heißen Tagen ist das aber überschaubar, weil alle froh sind, wenn sie einen Platz mit frischer Luft haben und sich nicht bewegen müssen", erklärt er.
Grundsätzlich gebe es im Haus ein Hitzeschutzkonzept. "Das greift, wenn der Deutsche Wetterdienst eine Hitzewarnung ausspricht", sagt Kauczor. Dann werde auf nächtliches Durchlüften und den Einsatz der Außenjalousien am Gebäude zur Beschattung der Räume geachtet. Zudem sei im Speiseplan an heißen Tagen mehr frisches Obst und Gemüse enthalten, und es würden Trinkstationen für die Bewohner angeboten.
Im ”Invita”-Pflegeheim in Huchting sind solche Trinkstationen Teil des Hitzeschutzplans. Sie können aber nur von mobilen Bewohnern genutzt werden.
Foto: Elisa Schu/dpa
Die "Invita Residenz", die zu den Rhenia-Residenzen mit Hauptsitz im nordrhein-westfälischen Rheinbach gehört, verfügt wie die meisten Pflegeheime über keine Klimaanlage. "Da muss man schon mal improvisieren", sagt Marcus Kauczor. "Wir machen uns immer Gedanken darüber, wie wir bei unseren Bewohnern für Entlastung an heißen Tagen sorgen können." Ihm zufolge ist das Betreuungsteam sieben Tage die Woche anwesend.
Für den Pflegeheimplatz zahlt Renate Dahnken monatlich etwa 5600 Euro mit einem Eigenanteil von rund 3400 Euro. Birgit Brunkow wundert sich angesichts der Kosten darüber, dass die meisten Pflegeheime keine Klimaanlagen in ihren Häusern installieren. Das findet sie unverantwortlich, denn wie ihrer Mutter gehe es vielen Menschen in Pflegeheimen.
Fürsprecher für Heimbewohner fordert mehr Vorgaben durch die Politik"Hitzeschutz gehört in die Bauordnung von Kommunen", fordert darum Reinhard Leopold, der sich seit 20 Jahren für Pflegebetroffene und Angehörige engagiert und unter anderem die Bremer Selbsthilfe-Initiative "Heim-Mitwirkung" gegründet hat. Er findet, die Immobilienbesitzer müssten von der Politik mehr in die Verantwortung genommen werden, weil Hitze für Pflegebedürftige ein Risiko darstellt. "Bei Bau und Betrieb der Immobilien müsste man Klimaanlagen von vornherein mit einplanen." Würde man zugleich Solarzellen am Gebäude installieren, seien auch die Stromkosten bezahlbar.
Renate Dahnken findet die Hitze nach eigenen Angaben zwar "nicht tragisch". Aber es schwingt Bedauern mit, als sie erzählt, man habe ihr gesagt, dass es am Sonntag zu heiß für den Balkon sein würde. "Da muss man sich dran gewöhnen", sagt Dahnken.
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