Kimi Antonelli siegt zum ersten Mal seit Anfang Juni wieder. Die wilde Jagd in den Ardennen kurz vor der Saisonhälfte zeigt, dass sich die Leistungen der unterschiedlichen Autos wie erhofft annähern.
Kimi Antonelli siegt zum ersten Mal seit Anfang Juni wieder. Die wilde Jagd in den Ardennen kurz vor der Saisonhälfte zeigt, dass sich die Leistungen der unterschiedlichen Autos wie erhofft annähern.
Elmar Brümmer, Spa19.07.2026, 19.48 Uhr

IMAGO/Bouchezben
Es hätte schlimm kommen können, nein, sogar müssen, wenn es nach den Hochrechnungen vor dem Grossen Preis von Belgien gegangen wäre. Eine Formel 1, bei der – durch den Reglementwechsel hin zum hohen Elektroanteil im Motor – gut fünf Sekunden auf die Rundenzeiten gegenüber dem Vorjahr verloren würden. Der in manchen Kurven auf dem Circuit Spa-Francorchamps 50 km/h an Tempo fehlen könnten.
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Doch an die Langsamkeit verschwendeten beim 10. WM-Lauf weder die 135 000 Besucher, die für einen Rekord sorgten, noch die 22 Rennfahrer auch nur einen winzigen Gedanken. Vielmehr blieb den Zuschauern und den Piloten gleichermassen häufig der Atem weg auf der längsten und vielleicht anspruchsvollsten Rennstrecke im Kalender. Auf der klassischen Piste, die sich als Berg-und-Tal-Bahn über sieben Kilometer durch die Ardennen windet, hat die neue Königsklasse ihre Bewährungsprobe bestanden. Kurz vor der Saisonhalbzeit wird klar: Es kann noch spannender werden.
Das gilt auch rein rechnerisch. Der grosse Aufsteiger dieser Saison, Kimi Antonelli, erklomm zum ersten Mal seit Anfang Juni wieder die oberste Podeststufe – für den inzwischen erfolgsverwöhnten Italiener eine ungewöhnlich lange Abstinenz zwischen seinem fünften und sechsten Saisonsieg. Trotz der souveränen Pole-Position musste der Mercedes-Rennfahrer eine Aufholjagd hinlegen, um zehn Runden vor Schluss dann am Ferrari von Charles Leclerc vorbeizugehen. Diesem hatte eine vorübergehende virtuelle Neutralisierung des Rennens in die Hände gespielt.
Die Fahrer sind in der neuen Formel 1 gefordertDie wilde Jagd um die Spitze ging aber noch rundenlang weiter, ein Zeichen dafür, dass sich die Leistungen der unterschiedlichen Autos wie von den Regelhütern erhofft annähern. Selbst Max Verstappen, dessen Red-Bull-Rennwagen es noch deutlich an Leistung fehlt, schaffte es als Dritter auf das Podest, was zumindest ein schmales Lächeln auf das Gesicht des Niederländers zurückzauberte.
Denn bei aller Diskussion um die Batterien und die Ladetechnik hat dieser Grand Prix bewiesen, dass es weiterhin vor allem auf die Energie der Steuermänner ankommt. Das Fahren in der Königsklasse ist zwar taktischer geworden, aber auch anspruchsvoller. Alle haben sich nach mündigen Piloten gesehnt, jetzt sind sie gefordert. Das Haushalten zwischen Angriffs- und Verteidigungsmodus ist eine zusätzliche Aufgabe, die erhöhte mentale Kapazitäten erfordert, denn der Einsatz des elektrischen Extraschubs will wohl terminiert sein.
Was auf anderen Pisten zu gefährlichen Situationen geführt hatte, weil der E-Maschine mitten im Überholvorgang plötzlich die Kraft ausging, sorgte auf den langen Geraden und den schnellen Asphaltbögen durch die Wälder Belgiens vielmehr für spektakuläre Überholmanöver und ebensolche Abwehrschlachten quer durch das Feld.
Über die 44 Runden entwickelten sich Windschattenduelle, wie sie von der Tour de France her bekannt sind – nur in Spa eben jenseits der 300 km/h. Der Grosse Preis von Belgien ist sonst vor allem wegen seines schwer einzuschätzenden Mikrowetters gefürchtet. Diesmal überzeugte er auch dadurch, dass die von den Kommandoständen aus vorgenommenen Strategiespiele nur schwer zu kalkulieren waren und dadurch zum Plädoyer für den klassischen Rennsport auf einer klassischen Piste wurden.
In Spa, so lautet ein altes Formel-1-Sprichwort, trennen sich die Männer von den Buben. Das besitzt auch dann seine Gültigkeit, wenn am Ende ein 19-Jähriger triumphiert. Altersunabhängig gilt es unter den hohen Fliehkräften in den Kurven auch dann einen kühlen Kopf zu bewahren, wenn Emotionen aufkommen.
Eindeutige Prognosen fallen in dieser Saison schwerKimi Antonelli hat durch seinen neuerlichen Erfolg die Führung in der Gesamtwertung ausgebaut – auf 45 Punkte gegenüber dem unglücklich agierenden Ferrari-Piloten Lewis Hamilton und auf 50 Zähler auf seinen früh ausgeschiedenen Teamkollegen George Russell. Charles Leclerc ist mit noch ordentlichem Rückstand Vierter vor dem Weltmeister Lando Norris, der langsam in Schwung kommt. Natürlich ist Antonelli damit Titelfavorit, aber eindeutige Prognosen fallen in dieser ungewöhnlichen Saison ähnlich schwer wie der Ausgang einer Nachspielzeit bei der Fussball-WM.
Auch die Systemkritiker unter den Fahrern haben gelernt, sich mit den neuen Bedingungen zu arrangieren. Dabei sind diejenigen im Vorteil, die zwar via Boxenfunk über die Tücken der neuen Technik schimpfen – allen voran Verstappen und Hamilton –, die sich aber mit der ihnen eigenen Verve in Zweikämpfe stürzen und ihre Fahrtechnik entsprechend anpassen.
Selbst wenn manchem noch immer gegen den Strich gehen sollte, sich umstellen zu müssen – der persönliche Ehrgeiz ist am Ende doch grösser. Es zeigt sich, dass auch leicht quer stehende Rennwagen für Aufholjagden taugen. «Ich musste alles geben, was in mir steckte», sagte Max Verstappen zur Dynamik, die sich an diesem Rennsonntag entwickelt hatte. Es sind die Kraft des Irrationalen und der Zauber der Beschleunigung, die diese Formel 1 und ihre Protagonisten immer wieder in Schwung bringen. Der Sieger Antonelli präzisiert das für sich persönlich: «Mein Momentum war nie weg.»
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